Die  vier Gefängnisse des Menschen

 

Dr. Ali Schariati

  

Meine Damen und Herren, verehrte Kommilitonen![1] 

Was ich Ihnen heute Abend beschreiben möchte, ist eine These, eine Theorie. Ich werde ohne Beweisführung und ohne lange Erklärungen nur die Hauptgedanken der These formulieren. Die Beschreibungen dienen lediglich zur Klärung eventueller Missverständnisse. Ich möchte daher von vornherein klarstellen, dass hier keine Beweisführung und Untersuchung angestellt, sondern lediglich eine These vorgetragen wird.

Jedes mal, wenn ich nach Abadan kam und zu Ihnen sprach, handelte es sich um das Thema „Mensch“. Das ist kein Zufall, denn das größte Problem im Leben des Menschen ist der Mensch selbst. Je einfacher das Leben wird, je mehr der Mensch die Welt beherrscht und ihre Probleme löst, um so schwieriger und verworrener werden seine eigenen Probleme, die zu Katastrophen führen können. Tag für Tag werden viele Fragen durch die Wissenschaft beantwortet. Es gibt aber eine dringende und problematische Frage. Sie lautet: „Was ist der Mensch?“ Wie wir beobachten können, hat diese Krise, die sich in der vorangegangenen Frage offenbart, die Abendländer früher und intensiver erfasst als uns. Sie spüren mehr als wir die katastrophalen Folgen ihrer Unwissenheit über den Menschen, ein Gefühl, das unseren Intellektuellen nicht fremd ist. Die grundlegende Frage für den heutigen Menschen ist also: Was ist der Mensch? Es ist kaum möglich, die Menschen betreffende Probleme zu lösen, ohne eine klärende, richtige und logische Definition des Begriffes „Mensch“ zu geben.

Der Grund, warum die heutigen Erziehungsmethoden in eine ausweglose Situation geraten sind, warum die auf unterschiedlichen philosophischen Anschauungen beruhenden Erziehungssysteme trotz des anfänglichen Wirbels keine Erfolge zeigen, liegt nicht immer an der Erziehungsmethode, sondern daran, daß die großen Erzieher der Welt und die Begründer der Erziehungssysteme vor der Anwendung einer Erziehungsmethode die Frage beantworten müssen, was eigentlich der Mensch ist.

Solange wir nicht verstehen, was der Mensch ist, wie er sein soll -solange wir keine klare Übereinstimmung hierüber erzielen, werden alle unsere Bemühungen zur Reformierung der Kultur, Bildung und Erziehung, der moralischen und gesellschaftlichen Verhältnisse sinnlos. Wir würden einem Gärtner gleichen, der zwar die Technik der Veredelung der Pflanzen, das Ausjäten, die Gärtnerei und die Pflanzenkunde in höchster Vollkommenheit der heutigen Wissenschaft beherrscht, sich jedoch keine Gedanken darüber macht, welchen Baum er pflanzt oder welche Früchte für die Gesellschaft notwendig sind.  Es verhält sich heute ähnlich mit allen, die den Menschen und die Gesellschaft reformieren möchten. Es ist unmöglich, ein fortschrittliches Erziehungssystem zu entwickeln, ohne sich vorher über das Problem „Mensch“ im klaren zu sein. Es ist nicht möglich, daß die gesellschaftlichen Systeme, sei es Marxismus oder Sozialismus oder andere Ideologien, auf diesem Gebiet Erfolg haben, ohne daß sie vorher erklären, was sie unter dem Begriff „Mensch“ verstehen, bevor sie das Endziel definieren, das der Mensch seiner Natur nach erreichen muß. Es muß grundsätzlich geklärt werden, was für einen Menschen wir in einer Hochentwickelten Gesellschaft, in einer großen Zivilisation mit fortschrittlichen politischen und wirtschaftlichen Bildungseinrichtungen heranbilden wollen. Daher müssen wir vor allen Dingen wissen, wie der Mensch ist und wie er sein soll. Das ist das grundlegende Problem, gleichgültig, ob wir religiös sind oder Sozialist bzw. Anti-Sozialist, fortschrittlich oder reaktionär; das Problem bleibt das gleiche.

Der heutige Mensch ist im Grunde genommen unbekannter denn je. Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts haben sich die meisten Philosophen und Denker, sogar Schriftsteller und Künstler mit dem Problem „Mensch“ befaßt. Fast jeder hat seine eigenen Untersuchungen darüber angestellt und sich eine Meinung gebildet. Daher ist der Mensch heute unsicherer denn je.

Meine These geht davon aus, daß der  Mensch vier Zwängen unterliegt. Er sitzt in einem vierfachen Gefängnis. Er wird naturgemäß dann zu einem Menschen, wenn er sich von diesen vier Zwängen befreit.

Was sind nun diese vier Gefängnisse bzw. Zwänge, wie kann sich ein Mensch von ihnen befreien? Zuerst müssen wir klären, was wir unter dem Begriff „Mensch“ verstehen, denn nur eine besondere Definition kann zum Verständnis meiner These, daß der Mensch diesen Zwängen unterliegt, beitragen.

Einer meiner Freunde, der mit Forschungsarbeiten über den Koran beschäftigt war, sagte: „Im Koran gibt es zwei Wörter für diesen Begriff. Eins von ihnen bedeutet „Menschengestalt“, das andere „Mensch“. Manchmal kommt „basar“ vor, manchmal wird „insan“ gebraucht. Der Unterschied zwischen diesen beiden Wörtern liegt darin, daß mit dem Wort „basar“ die Spezies des zweibeinigen Lebewesens, die am Ende des Entwicklungsprozesses der Lebewesen auf die Erde gekommen ist, und mit dem Wort „insan“ jene hohe, ungewöhnliche und rätselhafte Wesen gemeint ist, das eine besondere Definition erfordert, worin die Naturerscheinungen keinen Platz einnehmen. Es gibt also zwei Arten von Menschen, eine, mit der sich Biologen, Ärzte und Physiologen beschäftigen und eine andere, die für Dichter, Philosophen und die Religion von Interesse ist. Bei der ersten Art haben die einzelnen, gleichgültig, ob sie schwarz, weiß, gelb, nördlich, südlich, östlich, westlich, religiös oder nicht-religiös sind, gemeinsame physiologische, biologische und psychologische Eigenschaften. Aufgrund der für diese Definition relevanten Gesetze sind Medizin, Pharmazie, Pharmakologie, Anatomie, Diagnostik, Pathologie, Biologie und Psychologie entstanden. Dass Wort in seiner zweiten Bedeutung ist der Inbegriff des Menschseins. Es sind besondere Eigenschaften, die dazu führen, daß jedes Mitglied des Menschengeschlechtes bis zu einem gewissen Grad Mensch sein kann.“

Der Mensch, den wir hier beschreiben, ist nicht derjenige, der gemeinsame Eigenschaften mit den übrigen drei Milliarden seiner Art auf der Erde hat. Alle Vertreter dieser Art gehören zwar gemeinsam zum Menschengeschlecht (basar), sind jedoch nicht alle Menschen. Jeder konnte also bis zu einem gewissen Grad Mensch werden. Nach dieser Definition ist einer dem Menschengeschlecht zugehörig wie der andere, unter ihnen gibt es jedoch einige, die die Entwicklungsstufe des Menschwerdens erreicht haben. Sie können sich auf einer höheren oder niedrigeren Stufe dieser Entwicklung befinden. So gesehen befinden sich die Vertreter des Menschengeschlechts in einem Entwicklungsprozess zum Menschen hin.

Die Menschengestalt (basar) ist ein „Sein“, der Mensch ist jedoch ein „Werden“. Der Unterschied zwischen einem Mensch und einer Menschengestalt sowie allen Erscheinungen der belebten und unbelebten Natur liegt darin, daß jede Naturerscheinung ein „Sein“ ist und nur der Mensch in der besagten Definition ein „Werden“. Was heißt das? Als Beispiel nehmen wir die Ameise. Es gibt Spuren von genauso gebaut, wie sie heute gebaut werden. Die Ameise ist also ein „Sein“, ein überall und jederzeit statisches Wesen. Sie hat eine unveränderliche Definition. Das gilt für Berge, Sterne, Wasser, Pferde, Löwen, Vögel und ebenso für die Angehörigen des Menschengeschlechts. Sie haben ebenfalls eine unveränderliche Definition. Es handelt sich um einen Seienden, der sich auf zwei Füßen fortbewegt. Diese unveränderliche Definition gibt ein Schriftsteller in seiner phantastischen Erzählung: Ein großer Wissenschaftler fährt zum Mars. Als er auf den Straßen des Mars spazieren geht, sieht er die Ankündigung seiner Fakultät über die Rede eines Wissenschaftlers vom Mars, der  eine Reise zur Erde unternommen hatte und nun über die dort befindlichen Lebewesen berichten möchte. Der Wissenschaftler von der Erde geht zu dieser Veranstaltung und sieht, daß ein Wissenschaftler vom Mars zum Rednerpult geht und erklärt, die Theorie, es gäbe Leben auf der Erde, sei jetzt bewiesen. Die letzten Forschungen hätten gezeigt, daß es dort sehr Hochentwickelte Lebewesen gebe, eins davon heiße Mensch (basar). „Ich kann es Ihnen natürlich nicht ganz klar machen, wie dieses Lebewesen ist, weil Sie keine Vorstellung davon haben. Ich möchte es kurz beschreiben: Es sieht so aus wie ein Wasserschlauch mit zwei Löcher und vier Griffen. Man nennt sie Menschen, sie kriechen auf der Erde mit einer ungewöhnlichen und wilden Anstrengung von einer Seite zur anderen, die im ganzen Sonnensystem beispiellos ist. Sie sind darauf versessen, einander umzubringen. Mancherorts sammeln sie sich und bewachen sich nach einem Plan und mit viel Aufregung mit modernen Waffen und machen sich auf den Weg zu Orten, die sie gar nicht kennen, lassen ihre Arbeit und Familie zurück, stellen sich einander gegenüber und greifen sich gegenseitig an. Ich dachte zuerst, sie brauchen einander wegen ihrer Ernährung, stellte aber später fest, daß sie sich mit ungewöhnlicher Mühe gegenseitig umbringen und dann nach Hause zurückgehen. Dann ergreift wieder ein anderer die Initiative, hetzt einige Leute auf die eine andere Gruppe angreifen. Kurz gesagt, diese Art von Lebewesen, das man Mensch (basar) nennt, hat eine lange Geschichte der Selbstquälerei und des Selbstmordes. Sie benützen ihre ganze Ausrüstung, sich gegenseitig umzubringen, ohne Gefühle des Hasses gegeneinander zu hegen.

Ihre ganze Ausrüstung, sich gegenseitig umzubringen, ohne Gefühle des Hasses gegeneinander zu hegen. Nach den Massenmorden essen sie weder das Fleisch der anderen, noch trinken sie deren Blut was vielleicht das gegenseitige Morden rechtfertigen konnte. Ihre Nahrung beziehen sie aus anderen Quellen. Nach dem gegenseitigen Massenmord und dem Niederbrennen der Hauser beschleicht sie ein Gefühl des Stolzes - ein psychischer Zustand, der unverständ­lich ist. Sie dichten dann Epen über diese Heldentaten. Sie bewegen sich auf der Erde fort und sammeln alles, was ihnen in die Quere kommt, mit den Griffen, die sie an den Seiten haben. Sie es­sen die delikate Nahrung, das duftende Obst und das gute Gemüse nicht in dem Zustand, wie sie auf der Erde vorkommen - das ist auch eine der Dummheiten, die wir nicht ergründen können - sondern nehmen die gesunde Nahrung wie Fleisch und Obst, machen ein Feuer, füllen die Nahrung in besondere Töpfe, fügen übel­ schmeckende und scharfe Gewürze hinzu, kochen, verbrennen und essen sie; dann werden sie krank, fangen an zu jammern, der Arzt holt die Nahrung mit Hilfe von technischen Mitteln aus ihren Magen. Aus diesem Grunde sind die Ärzte in ihrer Gesellschaft respek­table und gut verdienende Leute. Das sind die Krankheiten des Menschen auf der Erde. Obwohl er sehr fortschrittlich ist und die Erde beherrscht, ist er von einem Wahnsinn befallen, der bei keinem Tier zu beobachten ist."

Das ist das hässliche Bild des Menschen, und das entspricht der Wahrheit. Wenn Sie die Geschichte des Menschen lesen, die Ge­schichte seiner Dummheiten, ist sie immer umfangreicher und in­teressanter als die Geschichte seiner vernünftigen Taten. Heute ver­hält es sich genauso. Diese Art von Mensch ist immer statisch; die Beschreibung passt auf ihn heute noch wie auf die der Affen vor 50 000 Jahren. Seine Waffen, Kleidung und Nahrung haben sich geändert. Seine Eigenschaften sind die gleichen geblieben. Dschingis Khan, der über ein primitives und unzivilisiertes Volk herrschte, un­terschied sich nicht von den großen Kaisern, die in der Vergangenheit über große Zivilisationen herrschten; auch die heutigen Führer, die die großen Wirtschaftssysteme und starken Regime der heutigen Zivilisation leiten, unterscheiden sich nicht wesentlich von ihnen. Der Unterschied besteht vielleicht darin, daß die früheren diese Ausrüstung nicht besaßen und die heutige Bildung nicht genossen hatten. Die früheren Herrscher gaben offen zu, daß sie gekommen waren, um zu töten, aber die heutigen zivilisierten Angreifer töten und erklären, daß sie gekommen sind, um den Frieden herzustellen. Nur die Sprache, das Lügen und die Rechtfertigung haben sich entwickelt. Spaltung, Lüge, Mord, Rachegelüste und Ausplünderung sind so geblieben wie sie waren oder haben sich verstärkt. Der Mensch in dieser Bedeutung ist ein statisches Wesen, das wir als Menschengestalt bezeichnen, aber der Mensch im Sinne jener höheren Werte, der zu werden wir uns bemühen, be­sitzt höhere und ideale Eigenschaften, die anzustreben sind; ein Wesen, das noch nicht ist, aber sein soll. Das Ziel ist also das Mensch­ werden. Das Menschwerden ist wiederum kein statischer Zustand, der Mensch ist ständig im Werden, in einem unendlichen Entwicklungsprozeß. Inna li illahi wa inna ilaihi raği'u'n: "Wir gehören Gott und zu ihm kehren wir zurück" (Koranl. Hierin ist eine humanistische Philosophie enthalten. "ilaihi raği'un" bedeutet, daß der Mensch zu Gott zurückkehrt. Der Ausdruck "ilaihi: zu ihm" ist für diese Diskussion relevant. Im Gegensatz zu den Mystikern, die be­haupten, daß der Mensch Gott erreicht (wenn Hallac meint, daß er Gott erreicht hat, bestimmt er damit einen konstanten Platz für Gott, den der Mensch erreicht und sich somit bei Gott aufhält), bedeutet "ilaihi" "zu ihm hin" aber nicht "in ihm". Wer ist "er"? Gott. Was bedeutet "zu Gott hin"? Gott hat keinen bestimmten Aufenthaltsort, so daß, wenn der Mensch ihn erreicht, er seine Be­wegung beenden und sich dort aufhalten könnte. Gott ist unend­lich und absolut. So gesehen bekommt die Bewegung des Menschen zu Gott hin eine andere Bedeutung. Sie ist unendlich, ständig und unaufhörlich im Entwicklungsprozess zur unendlichen Erhabenheit. Das ist die Bedeutung des Werdens, des Menschwerdens.

Der Mensch, der im Werden begriffen ist, hat drei Eigenschaften. Er ist selbstwählend, bewußt und schöpferisch. Alle anderen Eigenschaften des Menschen basieren darauf. Wenn wir die Entwicklungsstufe des Selbstbewusstseins erreichen, können wir selbst wählen. Nach dieser Entwicklung können wir Dinge schaffen, die die Natur nicht geschaffen hat.

Nachdem wir geklärt haben, welche Eigenschaften der zu werdende Mensch besitzen soll, müssen wir die auf diesem Weg auftreten­ den Hindernisse erkennen, um sie zu überwinden und unseren Weg, unsere geistige und innere Wanderung im Entwicklungsprozess fortzusetzen.

Es gibt vier Zwänge, die den Menschen daran hindern, die Entwick­lungsstufe des Selbstbewusstseins zu erreichen, seine eigene Wahl zu treffen und schöpferisch zu sein. Es gibt einen bekannten Satz von Descartes: "Ich denke - also bin ich". Damit drückt er seinen Zweifel aus. Er zweifelt an allem außer an der Tatsache des Zweifelns selber. Von hieraus kommt Descartes zu dem Schluss, daß es ihn gibt, weil er zweifelt. Aufgrund dieses Satzes versucht er, seine Philosophie zu begründen.

Eine Variante dieser Äußerung ist von Andre Gide bekannt geworden: "Ich empfinde, also bin ich". Albert Camus sagt in Umwand­lung dieses Satzes: "Ich lehne mich auf, also bin ich". Die letztere Feststellung ist richtiger. Alle drei sind Indizien für das "Sein". Alle drei Aussagen sind richtig. Wer denkt, muß schon existieren, um denken zu können. Ebenso verhalf es sich mit dem Empfinden und Sich auflehnen. Von diesen drei Indizien, die das Sein begründen, ist das "Sich auflehnen" die höchste Eigenschaft des Menschen. Solange Adam im Paradies war und sich gegen diese Ordnung nicht aufgelehnt hatte, war er noch kein Mensch, sondern ein Engel. Er lehnte sich gegen das Konsumleben des Paradieses auf, aß die verbotene Frucht (die Frucht der Erkenntnis und der Auflehnung) und wurde aus dem Paradies vertrieben. Es war ein Paradies des Wohlstandes und des tierischen Konsums, nicht aber das gelobte Himmelreich (denn das gelobte Paradies ist das Gegenteil dessen, aus dem er vertrieben wurde). Er kommt auf die Erde und hat die Aufgabe, seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten und zu erkämpfen. Wenn die Eltern das Kind verdammen und aus dem Hause jagen, übertragen sie ihm ebenfalls die Verantwortung für seinen Lebensunterhalt. In diesem Sinne spricht Sartre in seiner Existenzphilosophie vom Delaissement, vom "Sichselbstüberlassensein" des Men­schen. Das heißt, daß er im Gegensatz zu allen Tieren, die von na­türlichen Instinkten getrieben werden und keine eigene Wahl tref­fen können, selbst die Verantwortung für sein eigenes Leben trägt. Der Mensch, der die Stufe des Selbstbewußtseins erreicht und sich gegen das Paradies und gar gegen den Willen Gottes aufgelehnt hat, ist ein neues Geschöpf, das in der Welt geschaffen wurde. Es ist der­ selbe Mensch, der seine Erlösung in Verehrung und Gehorsamkeit Gott gegenüber sucht. Auf der Suche nach Erlösung hat er sich für die Gehorsamkeit entschieden, seine Wahl getroffen. Die Gehor­samkeit eines Menschen, der von Beginn an ein unbewußter Diener ist und sich wie ein Tier nicht auflehnen kann, ist wertlos. Die Ge­horsamkeit eines Menschen, der sich aufgelehnt hat, beruht auf seinem eigenen Willen. Der Mensch ist also das einzige Seiende in der Natur, das seine eigene Wahl treffen kann. Er lehnt sich auf, also wählt er. Wenn Camus sagt, daß er gegen die herrschende Ordnung revoltiert, sich gegen die Natur und Gesellschaft auflehnt und anderen Stelle etwas anderes wählt, bedeutet das, daß er ein Mensch geworden ist. Die Aussagen von Descartes und Gide "Ich denke, also bin ich" bzw. "Ich empfinde, also bin ich" beweisen lediglich das Dasein. Sie haben noch nicht das Menschsein bewiesen.

Der Mensch ist ein selbstbewußtes Wesen, d.h. er ist das einzige Seiende in der Natur, das die Stufe des Selbstbewußtseins erreicht hat. Das Selbstbewußtsein definieren wir wie folgt:

Das Selbstbewußtsein ist das Bewußtsein des Menschen von sich selbst, von der Natur, der Gestaltung der Welt und von der Art seiner Beziehungen zu dieser Welt.

In dem Maße, wie die Angehörigen des Menschengeschlechts diese drei Bewußtseinsebenen erreichen, werden sie zu Menschen.

Ist er selbstwählend? Er ist das einzige Seiende in der Natur, das sich gegen die Natur, gegen die herrschende Ordnung, sogar gegen eigene geistige und körperliche Bedürfnisse und eigene natürliche und instinktive Triebe auflehnt. Er trifft eine Wahl, zu der ihn weder die Natur noch die physiologische Beschaffenheit seines Kör­pers gezwungen haben. Es ist die höchste Stufe des Menschwerdens. Es sind Eigenschaften göttlicher Natur. Tiere sind wie Apparate, die durch die in ihnen eingebauten instinktiven Triebe bewegt wer­den. Der Geschlechtstrieb des Schafes wird einmal im Jahr wach. Es kann ihn nicht verdrängen, es muß ihn in dieser bestimmten Jahreszeit befriedigen. Danach stellt der Geschlechtstrieb für das Schaf kein Problem mehr dar. Die Leidenschaft entsteht, sie wird geäußert und legt sich wieder. Diese Eigenschaft wird dem Schaf von der Natur aufgezwungen. Sie entsteht und vergeht je nach den Erfordernissen seiner Natur. Nur der Mensch allein lehnt sich gegen seine eigene Natur auf. Er begeht Selbstmord trotz instinktiver Eigenliebe; trotz natürlicher Selbsterhaltungsinstinkte, die ihn zum Schutze des eigenen Lebens treiben, opfert er sich für eine Idee bzw. für andere. Er hat gegen seine natürlichen Eigenschaften, die ihn veranlassen, den Wohlstand und Konsum zu suchen, eine Wahl getroffen. Er kann dagegen protestieren und revoltieren und sich der Frömmigkeit und Askese hingeben. Das sind Indizien dafür, daß nur dieses Seiende imstande ist zu wählen, trotz der Grunde, die es ermutigen, eine andere Wahl zu treffen.

Der Mensch ist ein schöpferisches Wesen. Das Schaffen von klein­sten bis zu größten künstlerischen und technischen Werken ist eine Offenbarung der schöpferischen Kraft in der Natur des Menschen. Nur der Mensch kann gestalten; daher wird er bisweilen als ein werkzeugbauendes Tier definiert. Der Mensch stellt aber nicht nur das Werkzeug her, sondern noch viel mehr. Mit dem menschlichen Schaffen verhält es sich folgendermaßen: Seine Bedürfnisse entwickeln sich dermaßen, daß er Dinge verlangt, die in der Natur nicht vorhanden sind. Das ist an sich ein Indiz dafür, daß hier ein Mensch existiert. Wenn der Mensch sich mit dem begnügt, was in seiner Umgebung vorhanden ist, ist er ein naturgebundenes Tier, das auf der Suche nach der von der Natur gebotenen täglichen Nahrung ist. Ab hier trennt sich sein Weg im Entwicklungsprozeß von dem des ihm vorausgegangenen Tieres. Er erreicht eine Entwick­lungsstufe, in der außer seinen natürlichen Bedürfnissen noch an­dere ihn bewegen, die durch die in der Natur befindlichen Möglich­keiten nicht zu befriedigen sind. Das besagt, daß der Mensch eine Entwicklungsstufe erreicht hat, die höher ist als die gesamten Mög­lichkeiten der Natur. Seine Möglichkeiten und Bedürfnisse haben sich mehr entwickelt als die gesamte schöpferische Kraft der materiellen Natur. Hier erreicht der Mensch nach den Worten Heideggers die Einsamkeit. Die Stufe der Einsamkeit erreicht der Mensch, wenn er empfindet, daß er nicht aus der gleichen Materie ist wie die materielle Natur. Erst wenn er spürt, daß sich seine angeborenen Veranlagungen von den Veranlagungen anderer Tiere unterscheiden, wird er sich bewußt, daß er nicht hierher gehört. Er wird von den Idealen angezogen, die in der Natur nicht existieren. Er leistet schöpferische Arbeit. Erst fängt er klein an. Er möchte auf's Dach steigen, er möchte fliegen. Die Natur hat ihm aber keine Flügel gegeben. Er baut eine Leiter und klettert auf's Dach. So beginnt er mit dem Werkzeugbau, bis er Schiffe, Flugzeuge, Raumschiffe und dergleichen baut.

Die Industrie ist die Summe der menschlichen Kreativität, mit der er versucht, die Natur unter seine Gewalt zu bringen. Er versucht mit Hilfe der Möglichkeiten, die ihm die Kreativität bietet, das in der Natur Nichtleichtverfügbare zu bekommen. Es gibt Öl unter der Erde; er kann es mit den in der Natur verfügbaren Möglichkeiten nicht nutzen. Mit den ihm gegebenen Möglichkeiten kann er ebenfalls die Pflanzen nicht nutzen. Öl- und Agrarindustrie geben ihm neue Möglichkeiten, die in der Natur nicht gegeben sind.

Die zweite Kreativität ist anderer Art. Es ist die künstlerische Kreativität. Die Definition, der Mensch sei ein werkzeugbauendes Tier, versagt hier vollends. Künstlerisches Schaffen ist eine Offenbarung des göttlichen Geistes im Menschen. Die Kunst ist wie das Handwerk die Offenbarung der schöpferischen Fähigkeit des Menschen in der Natur. Das Handwerk ist eine menschliche Kreativität, die dem Menschen ermöglicht, das in der Natur Verfügbare zu bekom­men. Die Kunst ist dagegen eine Kreativität, welche die Bedürfnisse befriedigen soll, die von der Natur nicht befriedigt werden können. Sie ist also ein Supraindustrielles Schaffen, um die Natur nicht so, wie sie ist, sondern nach eigenem Geschmack zu schmücken. Der Mensch versucht, die Fehler, die er in der Natur zu finden glaubt, die Mangel, die er je nach Entwicklung seiner ideellen Bedürfnisse empfindet, durch künstlerisches Schaffen zu beseitigen. Die Kunst ist also die Fortsetzung der Arbeit der Natur, um ihr das den Bedürfnissen des Menschen Entsprechende zu geben. So ist die konstruktive und künstlerische Tätigkeit die Eigenschaft des Men­schen, welche die dritte Dimension des menschlichen Geistes (die Kreativität) offenbart.

Nun ergibt sich folgende Definition: Der Mensch, den wir meinen (die menschliche Entwicklung, die wir anstreben, welche anderer­seits die Richtung unserer Erziehungspolitik in der Gesellschaft, im kulturellen Leben und in den gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt) ist ein dreidimensionales Wesen, ein Wesen ausgestattet mit drei Fähigkeiten: 1. mit dem Bewußtsein von sich selbst, von der Welt und von seinem Verhältnis zu ihr (nur der Mensch hat das Bewußtsein, sich und die Welt wahrzunehmen und seine Stellung in der Welt zu finden); 2. mit der Fähigkeit zur eigenen Wahl und Freiheit; 3. mit Kreativität in Kunst und Handwerk.

Dieses mit Selbstbewußtsein ausgestattete freie und kreative Wesen ist also der Mensch. Wir stellen fest, daß es drei göttliche Eigenschaften sind. Gott ist ein Wesen mit dem Selbstbewußtsein und Willen zum Schaffen. Der Mensch, von dem die Rede ist, das EbenbiId Gottes, ist ein Wesen, das im Gegensatz zur Natur die Fähigkeit besitzt, göttliche Eigenschaften in sich aufzunehmen, sich zu erziehen und zu entwickeln. Nach den Worten von Mohammad soll der Mensch die Eigenschaften Gottes annehmen: Das heißt, der Mensch wird Stellvertreter Gottes auf Erden - der von uns beschriebene Mensch, nicht die Menschengestalt. Die Menschengestalt kann kein SteIIvertreter Gottes auf Erden sein. Er ist Stellvertreter des Affen. Nur der Mensch kann sich gegen die Natur stellen und zu einem Lebewesen werden, das imstande ist, sowohl sich aufzulehnen, zu wählen und der Natur zum Trotz zu schaffen als auch selbstbewußt zu sein. In ihrer Absolutheit sind das göttliche Eigenschaften. Bei dem Menschen sind sie relativ.

Diesen selbstbewußten, frei wählenden und schöpferischen Menschen bedrücken vier Zwänge. Sie halten ihn vom Selbstbewußtsein, Wählen und der Kreativität ab. Nun, das große Unglück des heutigen Menschen besteht darin, daß die Ideologien, so sehr sie auch menschIiche Bedürfnisse befriedigen, dem Menschen selbst relativ wenig Selbstbewutsein ermitteln. Sie entwickeln zwar die Gesellschaft und geben ihr genügend Macht, vernachlässigen jedoch den Menschen selbst. Wie vernachlässigen sie ihn?

In Europa gibt es einen Herrn Abdolqader Malek. Er ist einer der Enkel des berühmten algerischen Kämpfers Abdolqader. Er selbst ist jedoch nichts Besonderes. Im College de France hielt er eine Rede über Fanatismus im lslam". Er sprach über die Demütigung des Menschen in der islamischen Lehre; darin werde der Mensch verachtet und erniedrigt; er sei dort ein dekadentes Wesen. Der Glaube an Determinismus, Vorherbestimmung und die allein seligmachende Kraft des Gebetes führe zum Unglück. Ich protestierte daraufhin und sagte ihm: "Der Fanatismus, den Sie dem Islam zuschreiben, paßt besser zu Ihnen, denn Sie verkörpern alle Eigenschaften, die Sie erwähnten. Vom logischen Standpunkt aus hatten Sie erkennen müssen, daß der Mensch, wie wir ihn definieren, Stellvertreter Gottes wird. Er erhält die Anweisung, Gottes Eigenschaften anzunehmen. Nach dieser Definition ist er berufen, selbstbewußt, frei wählend und schöpferisch zu sein und die Welt zu gestalten. Wird der Mensch hier oder in jenen modernen Ideologien gedemütigt, die trotz ihrer progressiven und logischen Aspekte die Menschen opfern?"

Nach dem Standpunkt des Materialismus ist das Wesen des Menschen materieller Natur. Schon zu Beginn dieser Definition wird er im Rahmen einer Entwicklung, die sich auf Materie beschränkt, gefangengehalten. Wenn der Mensch materieller Natur wäre, konnte er sich nicht mehr entwickeln, als es im Rahmen der Materie mög­lich ist. Das bedeutet die Beschränkung der menschlichen Entwicklung auf materielle Phänomene und im Rahmen der Materie.

Ein anderes Hindernis ist der Naturalismus, der sich seit dem 18. Jahrhundert bis Anfang des 19. Jahrhunderts weit ausbreitete. Der Naturalismus betrachtet die Natur als ein lebendiges Wesen ohne Selbstbewußtsein. Der Mensch sei ein Produkt der lebendigen Natur, folglich auch ohne Selbstbewußtsein. Er werde also von der Natur geschaffen. Ich fühle mich nur insofern frei, könne nur so wählen oder so schaffen, wie die Natur es mir erlaube. So hat man die Freiheit des Menschen innerhalb der Grenzen, die der Begabung und Fähigkeit des Menschen gesetzt sind, eingeschränkt. Das heißt, der Mensch wird immer als eine Naturerscheinung betrachtet, die in der Natur vorkommt, wohl aber entwickelter ist als alte anderen Erscheinungen. Eben diese Einschränkung nimmt mir die Freiheit, so zu denken, zu wählen und zu schaffen, wie ich es gerne möchte. Die Existenzphilosophie Heideggers und Sartres will zwar ohne Gott und Metaphysik auskommen, Sartre stellt aber trotzdem fest, daß sich der Mensch seinem Wesen nach von allem anderen Seienden in der Natur unterscheidet. Diese Unterscheidung ist gerade aufgrund seiner metaphysikfreien Philosophie verwunderlich. Er unterscheidet den Menschen nicht nur von anderen Seienden der Natur, sondern setzt ihn in Gegensatz zu anderen Seienden und stellt fest, daß bei allem Seienden der Natur erst das Sosein be­stimmt wurde und dann das Dasein, beim Menschen jedoch erst das Dasein zustande kam und dann das Sosein. Warum argumentiert er so? Weil er ohne Gott auskommen will und den Menschen durch Materialismus, Natur und materielle Natur erklären muß. Daher opfert er den Menschen und das Menschsein und behauptet notwendigerweise, daß das Sosein (Essentia) aller Seienden ihrem Da­ sein (Existentia) vorausgehe, wobei es bei dem Menschen umge­kehrt sei. Wenn Sie einen Tischler, der einen Stuhl anfertigen möchte, fragen, was ein Stuhl ist, wird er Ihnen wahrscheinlich antworten: "Ein Stuhl ist eine hölzerne Sitzgelegenheit mit vier Füßen und einer Lehne von dieser oder jener Farbe." Mit diesen Worten beschreibt er das Sosein des Stuhles, obwohl der Stuhl noch nicht da ist. Dann baut er den Stuhl und gibt somit dem Sosein des Stuhles das Dasein.

Mit dem Menschen verhäIt es sich anders: er ist schon da, er existiert. Wie existiert er? Das erfahren wir später, weil das Wie des menschlichen Daseins davon abhängt, was er aus sich macht. Der Mensch ist im Gegensatz zu allen anderen Seienden, deren Essenz im voraus bekannt ist und die erst später existieren, unbekannte Essenz, welche schon existiert. Er ist mit dem Willen ausgestattet, sein amorphes Selbst zu formen, d.h. seine Essenz zu gestalten, nachdem er schon existiert. Die Natur oder Gott hat uns unsere Existenz gegeben, unsere Essenz müssen wir mit unserem Willen bilden; denn wenn wir nach den Worten Sartres dem Menschen seinen Willen und seine Wahl nehmen, ist er kein Mensch mehr. Darin ist die "Angst" Sartres begründet; eine berechtigte Angst, denn wenn wir von Materialismus und Naturalismus ausgehen, wie das heute des öfteren der Fall ist, setzen wir die Menschen hinter den Mauern des Seins gefangen. Wer der Entwicklung des Menschen Grenzen setzt, begeht Verbrechen an der Menschheit. Die Pantheisten opfern den Menschen ebenfalls, obwohl sie einem göttlichen Idealismus huldigen; denn der Determinismus, an den auch einige islamische Deterministen glauben, ist in der indischen Philosophie und in den Lehren einiger mystischer Schulen sowie der katholischen Religion zu  beobachten. Nach dieser Lehre habe Gott den Menschen erschaffen wie er ist, seine Eigenschaften, seinen Willen und das Böse und das Gute in ihm habe er im voraus bestimmt; daher könne der Mensch nur so sein, wie er vorgesehen sei, Hier wird der Mensch ebenfalls geopfert, dieses Mal einem Zwang der Vorsehung. Wenn Hafez sagt: "Da unser Schicksal ohne unsere Beteiligung vorherbestimmt würde, klage nicht, wenn manches nicht nach Wunsch verläuft!", meint er damit: Gott habe uns nicht gefragt, wie wir es gerne hätten, er habe uns nach eigener Vorstellung geschaffen und in die Welt verstreut. Wir hatten uns damit abzufinden, er habe uns weder nach unserer Meinung gefragt, noch habe er uns die Wahl gelassen. Nach dieser Philosophie sollte man in Anlehnung an Hafez eher sagen: "Klage nicht, auch wenn gar nichts nach Wunsch verläuft!" Denn hier handelt es sich um höhere Gewalt; was kann man  schon dagegen ausrichten? Sogar das Protestieren ist falsch. Es ist falsch wie das Protestieren Albert Camus' (welches in einem anderen Sinne falsch war/. Er sagt: "Ich protestiere." Dann wird er gefragt: "Bei wem? Etwa bei Gott? Glauben Sie denn an Gott?" "Nein", antwortet er. "Bei wem protestieren Sie denn?" wird er gefragt. "Wenn Sie an eine Natur ohne Selbstbewußtsein glauben dann sind wir auch ohne Selbstbewußtsein ge­schaffen worden. Man kann nur bei einem verantwortungsbewußten Menschen wegen einer Verantwortung protestieren. Sie glau­ben ja doch nicht an diese Verantwortung in der Welt. Protestieren Sie nur einfach so?" Da sagt er etwas Sinnloses: "Mein Protest richtet sich an keinen Bestimmten, ich protestiere, weil ich nichts anderes kann."

Wenn die göttliche Bestimmung ohne den Willen und die Entscheidung des Menschen geschieht, trägt der Mensch keine Verantwortung. Der Mensch, der keine Verantwortung übernehmen kann, ist kein Mensch.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Materialismus und Naturalismus. Das Mittelalter war die Zeit des Determinismus. Die­sen Zwang propagierte das Christentum. Er wurde vom Zwang des Materialismus und Naturalismus abgelöst. Im Mittelalter behaupteten die Priester, die Menschen seien so geschaffen, wie Gott sie haben wollte, sie hatten keinen eigenen Willen. Im 19. Jahrhundert wird Gott durch Natur und Materie ersetzt, d.h. wir haben uns Herren niedrigeren Ranges genommen. Mit dem Materialismus kommt man im 20. Jahrhundert nicht weiter. Er bietet keine wissenschaftliche Stütze für die Probleme dieser Zeit. Die Idee des Na­turalismus war schon vorher zum Untergang verdammt, weil er sei­nen Ursprung im 18. Jahrhundert hatte.

Es gibt noch drei andere philosophische Schulen, die dem Menschen die freie Wahl und das Selbstbewußtsein absprechen: den Historismus, den Soziologismus und als letzten den Biologismus.

Der Historismus behauptet: der Mensch sei geworden durch seine Geschichte; er sei so geworden, wie seine Geschichte es erfordere. Die Eigenschaften, die ich besitze, sind also aus meiner hinter mir liegenden, bis in den Anfang reichenden Geschichte entstanden. Meine Geschichte ist also ein Geflecht aus der iranischen, islamischen und schiitischen Geschichte, das den Verlauf meiner Vergangenheit bestimmt und bis in die Gegenwart reicht, in der ich zur Welt kam, aufwuchs und erzogen wurde. Eigenschaften, die ich besitze, verdanke ich meiner Geschichte. Wäre ich statt dessen nach der  Französischen Revolution, in der Renaissance, im Mittelalter oder im heutigen Westen zur Welt gekommen, hatte ich eine andere Sprache, andere Gedanken und Gefühle und andere moralische Begriffe und Methoden. Dieses Ich und jenes Ich sind zwei verschiedene Menschen, weil ihr geschichtlicher Werdegang unterschiedlich ist. Schon wieder werden meine Eigenschaften ohne meinen Einfluß durch einen anderen Faktor, dieses Mal durch den Historismus, bestimmt. Habe ich da eine Wahl? Nein, die Wahl hat schon die Geschichte für mich getroffen. Wenn ich Sie heute in Persisch anrede und Sie mich in dieser Sprache verstehen, geschieht dies nicht deshalb, weil wir das Persische gewählt haben, sondern weil unsere Geschichte diese Wahl für uns getroffen hat. Wir haben unsere Sprache von Anfang an als eine historische Notwendigkeit akzeptiert, sie gesprochen und uns diesem Zwang unterworfen. Den Islam hat unsere Geschichte für uns gewählt, nicht wir. An dieser Wahl waren wir nicht beteiligt. Wir wachsen in einer von unserer Geschichte geprägten Umwelt auf. Wie unsere Hautfarbe von der Natur bestimmt wird, so wird unser Geist von der Geschichte vorbestimmt.

Der nächste Zwang ist der Soziologismus. Diese Lehrmeinung geht davon aus, daß der Einfluß der Natur und Geschichte auf den Menschen und seine Entwicklung unbedeutend sei, dagegen aber die soziale Umwelt und Ordnung großen Einfluss auf die Entwicklung des Menschen ausüben. Bin ich großzügig, fanatisch und heldenmutig, dann bin ich in einer feudalistischen Gesellschaft aufgewachsen. Drehe ich den Pfennig dreimal um und bleibe am Geld hängen, dann bin ich in einer bourgeoisen Gesellschaftsordnung aufgewachsen. Macht mir das Reiten und Schießen Spaß, dann habe ich ein Nomadenleben hinter mir. Die Gesellschaftsordnung, d.h. die gesellschaftlichen Verhältnisse, Produktions- und Eigentumsverhältnisse, Produktionsmittel, Klassenverhältnisse und die herrschende gesellschaftliche Form sind Faktoren, die einen Menschen prägen.

Bin ich schlecht, so ist die soziale Umwelt daran schuld. Bin ich gut, ist es nicht mein Verdienst, weil ich es meiner sozialen Umwelt verdanke. Im Soziologismus gibt es kein Individuum. Es gibt kein selbst bestimmendes Ich; jeder ist so, wie er von der Gesellschaft geformt worden ist. Er ist kein Mensch, weil er keine eigene Wahl trifft. Mensch ist derjenige, der sagen kann: "Ich habe dies aus diesem oder jenem Grunde gewählt." Er trifft eine Wahl, obwohl er nicht zu wählen braucht. Das ist das Stadium des Menschseins. Moulawi drückt es so aus: "Daß Du fragen kannst, soll ich mich so oder so verhalten?, ist ein Zeichen Deiner Entscheidungsfreiheit." Der Soziologismus behauptet dagegen, daß dieser Zweifel ebenfalls durch eine soziale Umwelt in dir hervorgerufen werde. Während dir manche soziale Faktoren eine gewisse Wahl nahe legten, zwängen dich wiederum andere Faktoren zu einer anderen Wahl. Da du unter zwei verschiedenen Einflüssen ständest, kämen dir Zweifel. Manche könnten sich z.B. nicht entscheiden, ob sie religiös oder nicht-religiös sein wollen, ob sie die Religion oder den Atheismus wählen wollen. Dazu wird wiederum gesagt, die Unentschlossen­heit, ob du die Religion oder den Atheismus wählen sollst, sei darauf zurückzuführen, daß einige soziale Faktoren dich religiös erziehen möchten, während andere, vom Westen übernommene Fak­toren dich von der Religion fernhalten wollen. Nun bist du wie eine Puppe diesen Einflüssen ausgesetzt; wählst du die Religion, so haben sich die religiösen Gesellschaftsfaktoren durchgesetzt; entscheidest du dich für den Atheismus, so stellt sich heraus, daß sich die von außen übernommenen Gesellschaftsfaktoren gegen die traditionellen durchgesetzt haben. Du bist also das Spielzeug der von deiner Gesellschaftsordnung getroffenen Entscheidung.

Der letzte Zwang ist der Zwang des Biologismus. Hier versucht man, den Menschen aus den verkrusteten Strukturen des Materialis­mus zu befreien und ihm gewissermaßen einen höheren Rang zu geben. Das zeigt schon, daß die Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts den Menschen nicht mehr im engen Rahmen der materialistischen Definition der vergangenen Jahrhunderte verstehen und erklären können. Nach der Lehre des Biologismus entstehe der Mensch aus der Summe der in einem komplexen und weitentwickelten Gewebe verwobenen physiologischen und psychologischen  Eigenschaften. Jeder Mensch existiere nach den biologisch bestimmten Gesetzen. Der Biologismus räumt dem Menschen zwar einen höheren Rang als der Materialismus und Naturalismus ein und erhebt ihn über die gewöhnliche Naturerscheinung und Materie, spricht ihm aber Frei­heit und Selbstbewußtsein ab. Wenn ich sage, ich sei das Spielzeug meiner unbewußten biologischen Eigenschaften, dann leugne ich mein eigenes Ich. Es wird behauptet, daß schlanke Menschen klug und dicke freundlich seien. Daraus kann man also schließen, daß die Klugheit des Menschen mit ihm selbst nichts zutun hat sondern mit seinem Gewicht. Einem freundlichen und liebenswürdigen Menschen gegenüber müßten wir also keine Dankbarkeit empfinden, weil dieses Verhalten mit dem Menschen als solchem nichts zu tun habe sondern mit seinem Bauch. Der biologische Aufbaus seines Körpers erfordere diese Liebenswürdigkeit, er könne sich gar nicht anders verhalten.

         Wie wir sehen, hat der Biologismus entgegen der Behauptung dem Menschen im Gegensatz zu den Lehrmeinungen des19. Jahrhunderts einen höheren Rang eingeräumt, den von der Religion angestrebten Menschen als Ebenbild Gottes indes geleugnet. Nun wissen Sie, was, ich unter den vier Gefängnissen verstehe. Diese Lehrmeinungen bzw. diese Zwänge kann man wie folgt zusammen fassen: Erstens ist der selbstbewußte und schöpferische Mensch dem Zwang der Natur unterworfen, worauf sich die naturalistische Weltanschauung stützt. Das ist sein erstes Gefängnis. Der zweite Zwang ist der historische Zwang, worauf sich die historische Weltanschauung stützt. Emerson wurde einmal gefragt: "Was ist Geschichte?" Er antwortete: "Was ist nicht Geschichte?" D.h. alles Seiende sei auf die Geschichte zurückzuführen. Nach dem historischen Bewußtsein habe die Geschichte meine Gewordenheit und Essenz geschaffen. Da ich meine Geschichte nicht bestimme, bestimme ich auch nicht mein Ich.

Der dritte Zwang ist der Soziologismus, also die Anschauung, daß das Individuum ein Produkt der Gesellschaft sei.

Ich lehne weder Naturalismus noch Soziologismus und Historismus ab. Ich akzeptiere alle drei, jedoch mit der Einschränkung -und darauf kommt es mir an -, daß der Mensch dabei seine eigene Wahl trifft. Der Mensch ist in der Tat im Laufe seiner Entwicklung eine natürliche und materielle Erscheinung. Er ist geworden durch sein Geschichte, seine Umwelt und Gesellschaft. Eine nomadische Gesellschaftsform beeinflußt natürlich die geistige Haltung dieser Gesellschaft. Wer so lebt, hat diese Lebensform nicht selber gewählt. Die besonderen Gesellschafts- und Produktionsverhältnisse haben sie dazu gezwungen, in Zelten zu leben und von einem Ort zum anderen zu ziehen. Anderenorts erfordern die natürlichen Gegebenheiten, daß die Menschen Fischfang und Jagd betreiben, daß sie in den Wäldern leben oder andere Lebensgewohnheiten annehmen. Wenn sich ihre Gesellschaftsform soweit entwickelt, daß sie Land­ wirtschaft betreiben und auf dem Lande und in den Städten an­sässig werden, andern sich allmählich ihre Lebensform, Beziehungen, Traditionen und Verhaltensweisen. Diese Veränderungen finden nicht aufgrund eigener Entscheidung statt, sondern aufgrund der veränderten Produktionsverhältnisse. Der Mensch ist also in der Tat ein Produkt seiner natürlichen Umgebung, seiner Geschichte und Gesellschaft. Verändert sich die Umwelt, bleibt der Mensch davon nicht unbetroffen. Ein bedeutender Künstler, der Muster für Teppiche entwarf, erzählte: "Ich wurde einmal gebeten, in einem Gefängnis die Gefangenen Teppichknüpfen zu lehren. Mit den Verantwortlichen traf ich die Vereinbarung, daß ich für diejenigen Begnadigung beantragen dürfe, welche diese Kunst in ihren Feinheiten erlernt haben werden. Meine Schüler waren zum größten Teil Kriminelle. Schon ihr Aussehen verriet ihre unruhige und aggressive Natur. Wir machten uns an die Arbeit. Sie mußten die Schattierungen der Farben erkennen, Gefühl für ihre Zusammensetzung entwickeln, Fingerspitzengefühl haben, um sie ineinander zuflechten und zu knüpfen. Sie empfanden die Schönheit und schufen sie. Sie wurden empfindsamer und zartfühlend. Menschen, die vielleicht vor Mord und Bluttaten nicht zurückschreckten, wurden nach ei­ner Zeit künstlerischer Arbeit so empfindsam, daß sie zu Tränen gerührt den mystischen Gedichten lauschten, die ich ihnen vorlas." Aggressive und harte Seelen wurden zartfühlend und empfindsam. Sie stehen unter dem Einfluß der äußeren Einwirkungen, sie leben in einer anderen Gesellschaftsordnung. Diese wohlwollende Emp­findsamkeit ist die Folge einer veränderten Umwelt. Man muß ihnen weder für ihre Empfindsamkeit dankbar sein noch sie aus Gründen ihrer Aggressivität verurteilen. Das ist Soziologismus. So weit, so gut. Ich streite die Einflüsse der sozialen, materiellen, natürlichen und geschichtlichen Umgebung auf den Menschen nicht ab; betonen möchte ich jedoch, daß sich der Mensch im Laufe sei­ner Entwicklung von der Menschengestalt zum Menschen von die­sen Zwängen befreit. Die Bedeutung der Geographie z.B., die im 19. Jahrhundert in der Soziologie besonders hervorgehoben wurde - sogar ein Ibn Khaldun behauptet: "Jede Gesellschaft hat die Lebensform, die ihre geographische Lage erfordert." - ist heute nicht mehr so groß. Je weiter sich der Mensch entwickelt, um so mehr befreit er sich von diesen Zwängen. Ich möchte also nicht behaupten, daß sie nicht vorhanden oder wirkungslos sind. Das bedeutet nicht, daß der Mensch im Laufe seiner Geschichte immer die Wahl treffen konnte, sein Leben zu gestalten, sondern es bedeutet, daß er in der Menschengestalt Gefangener des Soziologismus, Naturalismus und Historismus ist. Er befreit sich allmählich während seines Menschwerdens von diesen Zwängen.

Wie kann er sich nun vom Naturalismus befreien? Das ist nicht schwer zu verstehen, denn wir leben in einem Zeitalter der Befreiung vom Naturalismus. Einer der Zwänge der Natur war schon immer das Klima. Die Menschen litten unter den klimatischen Bedingungen der Wüste, des Meeres und des Gebirges. Sie lebten unter unterschiedlichen Bedingungen und unterschieden sich voneinander. Heute machen wir die Erfahrung, daß die neue Technik und Zivilisation sie immer mehr von den Zwängen der Naturkräfte befreien. Der heutige Mensch, der in einer Wüste lebt, kann trotz der ihm aufgezwungenen natürlichen Bedingungen Voraussetzungen für ein besseres Leben schaffen, moderne Städte bauen und wie ein Nordamerikaner leben. Das beweist, daß der Mensch imstande ist, sich vom Zwang der Geographie bzw. der Natur im allgemeinen zu befreien. Die Anziehungskraft der Erde war einer der Zwänge, denen der Mensch unterworfen war. Sie war für uns so natürlich, daß wir sie als einen Teil unseres Körpers betrachteten. Wir dachten, wir könnten aufgrund unseres Gewichtes nicht von der Erde abheben und das Gewicht sei ein Teil unseres Wesens. Heute erleben wir jedoch, daß dieses Hindernis, das uns das Fliegen über drei bis vier Meter hinaus unmöglich gemacht hatte, beseitigt worden ist. Wir sind dem Zwang der Anziehungskraft nicht mehr unterworfen. Die Landwirtschaft ist von dem klimatischen Zwang befreit worden. Wir sehen, daß diese Hindernisse eins nach dem anderen je nach Fortschritt und Entwicklung der Zivilisation beseitigt werden.

Der Mensch, der nur unter besonderen Voraussetzungen an den Ufern der Flüsse und im Wald leben konnte und aufhorte zu existieren, wenn diese Lebensbedingungen sich änderten, ist heute imstande, in einer Wüste, wo kein Gras wächst, eine große industrielle Zivilisation aufzubauen. Das ist die Befreiung von dem Zwang der Natur. Wie befreit man sich davon? Indem man diesen Zwang, seine Gesetzmäßigkeiten und ihren Einfluß auf die Menschen erkennt. Dieses Erkennen ist die Wissenschaft. Das Erkennen der  Natur bzw. die Wissenschaft ermöglicht dem Menschen, seine schöpferische Fähigkeit für den Aufbau der Technik zu nutzen. Die Technologie hat eine einzige Aufgabe: den Menschen von dem Zwang der Natur zu befreien. Technik und Technologie wurden des öfteren ­ und wie ich meine, mit Recht - kritisiert, die Selbstentfremdung des Menschen zu bewirken und ihn als solchen zu opfern. Sie können diesen Menschen aber auch befreien. Der Mensch war gezwun­gen, für seinen Lebensunterhalt 11 Stunden am Tage zu arbeiten. Er mußte zuerst so lange arbeiten. Das war der Zwang der Natur. Die Technik hat die Produktion erhöht und die Arbeitszeit von 12 auf 1 Stunde reduziert. So wurden 11 Stunden frei. Daß der Mensch von heute trotz des technologischen Fortschritts fast ebenso lange arbeitet wie der Mensch vor dem technologischen Zeitalter, hat mit dem Nachteil der Technik nichts zu tun sondern mit der Lebensweise der bourgeoisen Gesellschaft, der daran gelegen ist, den Verbrauch anzukurbeln und den Menschen eine progressive Produktion aufzuzwingen.

Die Technik kann also den Menschen mit Hilfe der Wissenschaft aus den Zwängen der Naturgesetze, die die Freiheit des Menschen einschränken, befreien.

Wie kann sich der Mensch von dem Zwang der Geschichte befreien? Wenn er erkennen kann, daß er zum Spielball einer großen Macht, die Geschichte heißt, geworden ist, wenn er imstande ist, mit Hilfe der Geschichtswissenschaft und Philosophie der Geschichte den Prozeß der Geschichte und die ihn bestimmenden Gesetze zu erkennen, so daß er feststellen kann, welche Faktoren die historischen Ablaufe bestimmen und welchen Einfluß sie auf Meinungs- und Willensbildung sowie auf Gefühls- und moralisches Leben der Menschen ausüben, so kann er den Weg seiner Befreiung aus dem zweiten Gefängnis, dem der Geschichte, finden. Dieses Stadium hat er fast erreicht. In Asien, Afrika und Lateinamerika kennen wir Gesellschaften, die mehrere geschichtliche Entwicklungsstadien über­sprungen haben. Das bedeutet, daß sie die klassischen Entwicklungsstadien, die wir aus dem historischen Entwicklungsprozeß anderer Gesellschaften kennen, nicht in der bekannten Reihenfolge durch­laufen haben. Je nachdem, wie hoch das geschichtliche Bewußtsein einer Gesellschaft entwickelt ist, je nachdem, wie weit die Intellek­tuellen einer Gesellschaft die historischen Abläufe und ihre Sachzwänge erkennen, umso schneller kann sie die Entwicklungsstadien überwinden. Das ist die Befreiung und Flucht aus dem zwangsläufigen Prozeß von Ursache und Wirkung, der den geschichtlichen Lebensablauf einer Gesellschaft bestimmt und den alle Gesellschaften in allen Stadien durchlaufen müssten.    

Der historische Entwicklungsprozeß der Gesellschaften lief also nach bestimmten Mustern ab. Durch die Entdeckung dieser geschichtlichen Entwicklungsabläufe kann sich eine Gesellschaft dem Zwang eines bestimmten historischen Prozesses entziehen und eine andere gewünschte Entwicklungsstufe wählen. So hat es z.B. in der gegenwärtigen Geschichte Gesellschaften gegeben, welche die Entwicklungsstufe des Nomadismus und der Sklaverei durchliefen und plötzlich durch eine Revolution die weit fortgeschrittene Stufe der bürgerlichen Gesellschaft erreichten. Das ist eine Rebellion gegen die Geschichte, das ist Befreiung der Gesellschaft von dem Zwang der Geschichte durch die Erkenntnis des historischen Prozesses          und seiner Gesetzmäßigkeiten.

Was den Zwang des Soziologismus betrifft, so mußten wir in der Vergangenheit feststellen, daß jedes Individuum so aufwuchs, wie seine Gesellschaft es erforderte. Heute ist es nicht mehr an dem. Mit dem Fortschritt der Soziologie erkennt der Mensch die Gesellschafts- und Klassenverhältnisse deutlicher und entwickelt ein höheres Maß an gesellschaftlichem Selbstbewußtsein, je mehr er die Zusammenhänge der Politik und Staatsführung versteht. Frei nach Jaspers: "Die Umwelt prägt nicht mehr die Menschen, sondern die Menschen prägen die Umwelt."

Die Mitglieder einer nomadischen, feudalistischen oder einer rückständigen bäuerlichen Gesellschaft stellten in der Vergangenheit die Form ihrer Regierung, ihrer Religion, Überzeugungen und Traditionen niemals in Frage. Sie waren ewige und unabänderliche Institutionen, die zwangsläufig alles beherrschten wie die Sonne und der Himmel. Die Religion konnte niemals irren, die Gesellschaftsordnung und die Rechte der Feudalherren konnten nicht abgelehnt oder angezweifelt werden; Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse, Besetzung der Schlosser und Einführung einer anderen Lebensform waren von vornherein unvorstellbar. Die Menschen dachten und handelten nach den Denkmustern, die ihnen ihre Gesellschaft gegeben hatte. Der Mensch von heute jedoch kann seine Religion bewußt wählen, wie er sie auch bewußt ablehnen kann. Religion gehört zu den Lebensaufgaben, die dem Menschen von der Gesellschaft angeboten bzw. auferlegt werden. Der Mensch von heute hat jedoch ein Mitbestimmungsrecht in bezug auf die Religion und Gesellschaftsordnung, die früher sein Leben bestimmten. Er kann sie ablehnen, sich für sie entscheiden oder an ihnen zwei­feln. Der selbstbewußte Mensch von heute hält die Produktionsver­hältnisse, Wirtschaftsordnungen, Eigentumsrechte, Traditionen, Ge­sellschafts- und Klassenverhältnisse und die Sonderrechte der Fami­lien und gesellschaftlichen Gruppen nicht mehr für ewig, unabänderlich, heilig und für göttliche Offenbarung. Sie sind vielmehr wie jede andere Erscheinung des menschlichen Lebens, worüber man nachdenken, sie akzeptieren oder ablehnen kann. Wir sehen in der Tat, daß man sie in Frage stellt, verändert, reformiert und revolu­tioniert. Die gesellschaftlichen Strukturen und die Religion werden verändert. Das beweist, daß sich der Mensch von heute gewisserma­ßen aus dem dritten Gefängnis, dem Gefängnis der Gesellschaft, be­freit hat. Die Befreiung aus den Fesseln der ihm auferlegten Gesell­schaftsordnung gelingt dem Menschen durch soziologische Erkennt­nisse und Aufklärung über die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Befreiung aus dem dritten Gefängnis ist also auch nur durch die Wissenschaft möglich. Die Technik des gesellschaftlichen Kampfes ist vergleichbar mit der Technologie im eigentlichen Sinne, wodurch die Naturkräfte gezügelt werden; denn Ideologie ist die Technologie des Kampfes gegen die Gesellschaftsordnungen mit Hilfe der Sozio­logie.

Ich fasse zusammen: Der Mensch erlangt das Selbstbewußtsein, die Willensäußerung und die schöpferische Kraft durch das Erkennen der Natur, d.h. durch die Wissenschaft, und befreit sich aus dem ersten Gefängnis, dem Gefängnis der Natur. Aus dem zweiten Gefängnis, dem des Historismus, befreit er sich durch die Erkenntnis­se, die er aus der Philosophie der Geschichte und den historischen Prozessen gewonnen hat. Aus dem dritten Gefängnis, dem Gefängnis der ihm aufgezwungenen Gesellschaftsordnung, befreit er sich ebenfalls durch die Wissenschaft und baut die Gesellschaftsordnung seiner Wahl auf.

Das vierte Gefängnis ist das schlimmste von allen. Hier ist der Mensch ohnmächtiger denn je. Es ist das Gefängnis des eigenen Ich. Es ist verwunderlich, daß es dem Menschen zwar gelungen ist, im Laufe der Geschichte seine Befreiung aus den drei anderen Gefäng­nissen mehr und mehr zu erkämpfen und sich mehr denn je von die­sen drei zwängen zu befreien; mit dem vierten Zwang, dem Zwang des eigenen Ich, wird er nicht fertig. Der Mensch von heute ist da­vor ohnmächtiger als derjenige, der noch keine Technologie, Natur­wissenschaften, Soziologie und Geschichtsphilosophie kannte. Ge­rade die Gefangenschaft in diesem vierten Gefängnis macht die Befreiung aus den drei ersten Gefängnissen sinnlos. Warum empfindet der aus drei Gefängnissen befreite Mensch diese Sinnlosigkeit? Weil die Gefangenschaft im vierten Gefängnis erst der Anfang seines Unglücks ist; denn derjenige, der sich schon dem ersten Zwang unterworfen hat, hat nicht die Qual der Wahl, da er sowieso nichts tun kann. Aber der heutige Mensch, der mehr denn je die Fähigkeit be­sitzt, etwas zu tun, weiß weniger denn je, was er tun soll; denn er hat sich zwar von diesen Zwängen befreit, beherrscht die Natur, die Geschichte, das Schicksal der Menschheit und die Gesellschaft, ist aber Gefangener des eigenen Ich. Warum kann er sich aus die­sem Gefängnis nicht befreien? Weil diese Befreiung nicht so einfach ist. Sie ist deswegen nicht einfach, weil der Mensch in den drei an­ deren Fällen wußte, wo er gefangengehalten wurde. Er war sich bewußt, welchen Zwängen er unterworfen worden ist. Er erkannte die Anziehungskraft der Erde und wußte, warum er nicht fliegen kann. Auch im primitiven Leben war er sich dieser Zwänge bewußt. Am Ufer der Flüsse war er Fischer und im Walde Jäger. Er spürte die Notwendigkeit der Umwelt. Mit dem vierten Zwang verhält es sich aber nicht so. Er gleicht nicht den Mauern eines Gefängnisses. Dieses Gefängnis trage ich in mir. Daher ist es nicht leicht, es zu er­kennen. Hier sind der Gefangene und das Gefängnis identisch. Der Kranke und die Krankheit sind voneinander nicht zu trennen; daher läßt sich diese Krankheit auch nur schwer heilen.

Die andere Schwierigkeit liegt darin, daß der Mensch sich zwar mit Hilfe der Wissenschaft vom Zwang der Geschichte, der Natur und der ihm aufgezwungenen Gesellschaftsordnung befreien kann, nicht aber aus dem Gefängnis des eigenen Ich; denn der Wissenschaftler ist selbst der Gefangene, es ist die Wissenschaft eines Gefangenen. Wenn er daher von sich selbst redet, weiß er nicht, daß sein freies Ich in ihm selbst begraben liegt. Er hat das Empfinden, daß er sich als einen absoluten Menschen von den Zwängen der Natur, Gesellschaft und Geschichte befreien muß. Trotz dieser Befreiung erreicht er aber nur die Sinnlosigkeit. Es gibt einen geschichtlichen Prozeß im Leben der Menschen, der seit Adams Zeiten mit der gleichen Gesetzmäßigkeit verlaufen sein dürfte. Der Mensch legt in sei­nem materiellen Leben folgende Phasen zurück: Erst befindet er sich in Not, dann erreicht er Wohlstand, Wohlstand führt zu Sinnlosigkeit, Sinnlosigkeit zur Auflehnung und die Auflehnung führt zu Askese und innerer Einkehr.

Existentialismus und "Hippietum" von heute sind Erscheinungen dieser Art. Unsere Adeligen suchten früher in der Mystik Zuflucht. Die Adeligen Indiens und Indochinas nahmen Zuflucht zu Nirwana, Mystik und materieller Entsagung. Bei der Ablehnung der Kon­sumgesellschaft und des materialistischen Lebens durch die neue Bourgeoisie handelt es sich um das gleiche Phänomen.

Der Mensch schätzt die materialistischen Ideale seines täglichen Lebens solange hoch, wie er sie nicht erreicht hat. Erreicht er sie, so kommen ihm viele sinnlos vor. Daher müssen die Ideale des Men­schen so hoch gesteckt sein, daß er nirgends stehen bleibt, andernfalls führt dies zur Sinnlosigkeit.

Der Mensch, der Gefangene des eigenen Ich, gleicht trotz seiner Beherrschung der Natur einem ohnmächtigen Waffenträger. Jean Isole spricht vom Helden einer Geschichte, den ein Schriftsteller dargestellt haben soll, von einem schwerbewaffneten, sehr reichen Fürsten, der von einer großen inneren Sorge geplagt wird. Er sagt, das heutige Frankreich sei solch einem Fürsten ähnlich. Ich meine, daß der heutige Mensch im allgemeinen wie dieser Fürst ist, bewaffnet, reich, aber ohnmächtiger denn je.

Auf einem großen Platz in Rotterdam ist eine Statue aufgestellt worden. Sie zeigt einen Menschen, dessen Gelenke nicht miteinander verbunden sind. Der Hals befindet sich in einiger Entfernung zum Kopf, der Ellenbogen an der Seite des Armes, ebenso das Knie und das Bein. Wenn man die Figur von weitem betrachtet, hat man das Gefühl, daß sie mit einem Windstoß zusammenfallen könnte, obwohl sie aus massivem Stein gehauen worden ist. Der Bildhauer wollte mit dieser Figur den Menschen nach dem 2. Weltkrieg dar­stellen. Sie wird dem Bild des heutigen Menschen ebenfalls gerecht. Er ist heute wie aus Stein gehauen, mächtig, und trotzdem besteht mehr denn je die Sorge, daß er vernichtet wird. Der Grund liegt darin, daß ihm die Befreiung aus drei Gefängnissen eine Macht verliehen hat, die er nie besessen hatte.

Dieser Mensch, der imstande ist, von hier aus den Mars zu bombar­dieren, der es fertig bringt, eine komplizierte Maschine in den Weltraum zu schießen, wird andererseits so willenlos, daß er für ein paar hundert Mark seinen Arbeitsplatz wechselt und von einer anderen Stelle aus gegen ihn arbeitet, Man hört, daß die Sklaverei in manchen Gegenden Afrikas weiterhin besteht. Die Mitglieder mancher rückständigen Stamme werden gefaßt und in andere Gegenden verkauft. Eine andere Art der Sklaverei habe ich mit eigenen Augen im Westen mitten in Cambridge und an der Sorbonne gesehen, nicht etwa auf den Sklavenmärkten, wo primitive und ungebildete Menschen angeboten werden, sondern an einem Ort des Wissens, wo nun die besten Talente wie auf einer Auktion versteigert werden. Vertreter des kommunistischen China, der Sowjetunion, der USA und des europäischen Großkapitals kaufen dort Talente ein. Angeboten wird zum Beispiel der zweitbeste Absolvent eines bestimmten akademischen Jahres; einer bietet fünfzehntausend, der andere wiIl noch ein Auto dazugeben, ein dritter ist bereit, außerdem noch einen Fahrer zur Verfügung zu stellen. Der moderne Sklave ist noch unschlüssig, sieht sich seinen künftigen Herren an und entscheidet sich endlich für den Meistbietenden. Warum? Weil er ein Gefangener ist. Dieser Mensch, dem hunderttausend Mark angeboten werden, hat sich zwar von den Zwängen der Natur befreit. Er ist ein Ideologe, der die Gesellschaft verändert, oder ein Philosoph, der die geschichtlichen Zwänge abschüttelt, sich selbst gegenüber aber so ohnmächtig, daß er sich zum Sklaven machen läßt. Ein Sklave kann den Menschen nicht befreien, auch nicht, wenn er schon aus drei anderen Gefängnissen freigekommen ist. Die Schwierigkeit liegt darin, daß dieses Gefängnis ein Bestandteil seines SeIbst ist. Er kann sich gegen sich selbst nicht erheben. Aus den drei anderen Gefängnissen konnte er sich befreien, weil sie außerhalb seines Selbst lagen.

Sie sehen, hier nützt die Wissenschaft nicht mehr. Wie erreicht man aber diese Befreiung? Mit Liebe, Was heißt Liebe in diesem Zusammenhang? Ich meine damit keine mystische Liebe und dergleichen, die selber andere Arten von Gefängnissen darstellen. Damit meine ich eine gewaltige Kraft, höher als berechnende und eigennützige Vernunft, die mich aus der Tiefe meiner Seele und dem Inneren meines Selbst gegen mich aufwiegelt. Das kann mit Naturgesetzen nicht geschehen. Der Aufruhr gegen mich muß aus dem inneren kommen, weiI das vierte Gefängnis mir innewohnt. Es muß von innen herausgesprengt werden und in Flammen aufgehen. Wie, warum in Flammen? Weil es mit der logischen, die Naturgesetze entdeckenden Vernunft nicht zu schaffen ist, weil es sich hier nicht um Logik handelt. Hier möchte ich einen Ausdruck von Pareto gebrauchen, den ich vorab erläutern möchte: Nach seinen Worten sind Vorgänge einerseits logisch: wenn wir z.B. lieben, arbeiten, Gehalt empfangen, uns ankleiden, jemandem schmeicheln, denken und lesen, handeln wir logisch, weil wir dadurch zu irgendeinem Ergebnis kommen. Es gibt auf der anderen Seite Vorgänge und Hand­lungen, die unlogisch sind, wie z.B. die Handlungen eines Verrückten. Die dritte Art von Handlungen nennt er alogisch, also Handlungen und Vorgänge, die weder logisch noch unlogisch sind. Sie sind mit logischen Kategorien überhaupt nicht zu erfassen. Die Logik entdeckt die Ursache und Wirkung, um diese Entdeckung in den Dienst des Menschen zu stellen. Der Mensch zerstört aber manchmal die logischen Strukturen wegen höherer Ideale. Er setzt sich z.B. hin, begießt sich mit Benzin und zündet sich in aller Ruhe und bewußt an, um seine Gesellschaft vom Feuer zu retten. Diese Handlung ist nicht logisch. Sie verlangt weder eine Belohnung, noch entspricht sie den Grundsätzen der Ethik.

Liebe ist die Kraft, die mich dazu bringt, zum Wohle des anderen und zur Verwirklichung höherer Ideale gegen meine eigenen Lebens­interessen und unter Aufopferung meiner Existenz zu handeln.

         Ich belüge dich deswegen nicht, damit du mich nicht belügst. Ich stelle keine ungedeckten Schecks aus, damit meine Bonität nicht darunter leidet und meine Schecks im Bazar als bares Geld ange­nommen werden. Das sind logische und vernunftsmäßige Handlungen. Wenn ich aber nicht lüge und die daraus resultierenden, schweren Folgen auf mich nehme, ohne irgendeine Belohnung zu erwar­ten, wenn ich dann die Wahrheit sage, wenn es mich das Leben kosten kann, wenn ich es ohne Belohnung und ohne Rucksicht auf Verlust tue, habe ich mich wiedergefunden. Der Mensch kommt zum Vorschein. Welcher Mensch? Derjenige, der im vierten, im unlauteren Gefängnis des eigenen Ich begraben lag. Nun hat er sich aufgerichtet und beschreitet den Weg des Menschwerdens unter der Sonne des Glaubens und der Liebe.

Friedrich Nietzsche war ein großer Philosoph und Denker seiner Zeit. Als junger Mann war er ein hochmütiger Mensch. Er verteidigte das Recht des Stärkeren und verherrlichte die Macht; der Hochmut der Jugend trieb ihn zu diesen Ansichten. In seinen letzten Lebensjahren wurde er zu einem wohlwollenden, gütigen und liebenswürdigen alten Herren, der sich in seiner Menschenfreundlichkeit zu Handlungen verleiten ließ, die von ihm nicht zu erwarten waren, hatte er doch lange Zeit die Ansicht vertreten, Mitleid sei ein Zeichen der Schwäche; die Schwächen und Mißratenen sollten zugrunde gehen. Eine Ansicht, die bei Eskimos verbreitet ist. Sie lassen ihre alten und lebensunfähigen Mitmenschen mitten in Eis und Schnee zurück, damit sie sterben, weil sie nur verbrauchen ohne selber zu schaffen. Das ist auch eine mit Logik begründete Handlung. Derselbe Nietzsche, der ein Leben lang so gedacht und geschrieben hat, handelt in einem schicksalhaften Zwischenfall in seinem letzten Lebensjahr nicht mehr nach diesem Prinzip: während er eine Straße überquert, sieht er eine umgekippte Fuhre. Sie liegt mit ihrer ganzen Last auf einem in den Graben gefallenen Pferd. Der Fuhrmann, dem das Pferd offensichtlich nicht gehört, versucht mit aller Gewalt, es zum Aufstehen zu zwingen. Der lebensbedrohende Zustand des Pferdes scheint ihn nicht zu kümmern, Hauptsache ist für ihn, daß er ans Ziel und an sein Geld kommt. Seine Peitschenhiebe treffen das Tier ununterbrochen. Es versucht aufzustehen, schafft es aber wegen eines gebrochenen Beines nicht, unter dem Druck der Last hochzukommen. Nietzsche ist außer sich. Er bittet den Fuhrmann aufzuhören und bemerkt, daß erst die Ladung der Fuhre entfernt werden müsse. Der Fuhrmann hat für solche Belehrungen keine Zeit und ignoriert seine Worte. Nietzsche ist ein Hitzkopf und zorniger Mensch. Er packt den Fuhrmann beim Kragen und will ihn daran hindern, das Pferd zu schlagen. Der Fuhrmann wird wütend: "Kannst Du auch welche davon haben", sagt er und schlägt auf ihn ein. Mit einem Fußtritt wirft er den Philosophen zu Boden. Nietzsche wird nach Hause gebracht und stirbt an den Folgen seiner Verletzungen; er wird Opfer seiner Menschlichkeit. Das Nachdenken über diese Geschichte konnte einen inneren Konflikt hervorrufen. Jedem von uns wohnen zwei Persönlichkeiten inne: die eine läßt sich von Gefühlen leiten und bewundert die moralische und geistige Größe Nietzsches, der sein Leben auf's Spiel setzt, um einem Tier zu helfen und ein Verbrechen nicht mit ansehen zu müssen; die andere lacht über solch einen Menschen und den dummen Zufall, der dazu führte, daß ein genialer Mensch für ein Pferd geopfert wurde. Selbstverständlich ist es ein schlechter Tausch, gegen einen Philosophen wie Nietzsche ein Pferd einzuhandeln. Die Handlung an sich ist jedoch weder logisch noch unlogisch; sie steht über logischen Schlußfolgerungen. Sie ist moralisch. Mit der Liebe verhält es sich genauso; wenn wir eine Wahl treffen, um ein Verlangen zu stillen, wenn wir jemanden lieben, um wiedergeliebt zu werden, wenn wir einem Menschen Liebe entgegenbringen, um ein Bedürfnis zu befriedigen, wenn wir Zuneigung zeigen, um daraus Vorteile zu ziehen, haben wir uns auf einen Handel eingelassen. Wahre Liebe bedeutet aber die Bereitschaft, alles zu geben und nichts zu erwarten. Das ist eine unermeßliche innere Bereitschaft, innere Be­reitschaft zu sterben, damit der andere leben kann.

Das vierte Stadium verlangt Opferbereitschaft. Hier erreicht der Mensch das Stadium der Aufopferung. Er gibt dem Wohl des Nächsten den Vorrang. Das ist der tiefe Sinn des "isar", der Aufopferung. Er wählt das Wohl des Nächsten anstelle seines eigenen, auch wenn es um Leben und Tod geht. Er hat das Wohl des anderen im Auge, auch wenn er zu entscheiden hat zwischen dem Ende seines eige­nen Lebens, seines Glücks, seines Wohlstandes und jenem seines Nächsten.

Aus diesem vierten Gefängnis, das so schrecklich und unüberwind­lich zu sein scheint, kann der Mensch kraft der Liebe entkommen. Eine Liebe, die den Menschen jenseits aller Vernunft und Logik da­zu bewegt, sein Selbst zu leugnen, gegen das eigene Ich zu rebellie­ren und das eigene Leben zum Wohle des anderen auf's Spiel zu setzen. In diesem Stadium wird der freie Mensch geboren; es ist die höchste Stufe des Menschwerdens. Ich fasse zusammen:

Jener freie, schöpferische, selbst bestimmende und selbstbewußte Mensch befreit sich aus dem Gefängnis der Natur mit Hilfe der Wissenschaft. Der Gefangenschaft seiner Geschichte und Sozialord­nung entkommt er ebenfalls mit Hilfe der Wissenschaft. Aus dem vierten Gefängnis kann er sich nur mit Hilfe der Religion und Lie­be befreien. Um es mit den Worten Rada Krishnans auszudrucken: "Wir Menschen haben in der Natur die Aufgabe und Verantwor­tung übernommen, eine Verschwörung zu organisieren; eine Ver­schwörung, in der Mensch, Gott und Liebe miteinander daran arbeiten, einen anderen Menschen zu schaffen. Das ist die Verantwor­tung des Menschen."


[1]              Ali Schariati hielt den Vortrag „Die vir Gefängnisse des Menschen“ im Oktober 1970 vor den Studenten der Ölfakultät Abadan.