Die vier Gefängnisse des Menschen
Dr. Ali Schariati
Meine Damen und
Herren, verehrte Kommilitonen![1]
Was ich Ihnen heute
Abend beschreiben möchte, ist eine These, eine Theorie. Ich
werde ohne Beweisführung und ohne lange Erklärungen nur die
Hauptgedanken der These formulieren. Die Beschreibungen dienen
lediglich zur Klärung eventueller Missverständnisse. Ich
möchte daher von vornherein klarstellen, dass hier keine
Beweisführung und Untersuchung angestellt, sondern lediglich
eine These vorgetragen wird.
Jedes mal, wenn ich
nach Abadan kam und zu Ihnen sprach, handelte es sich um das
Thema „Mensch“. Das ist kein Zufall, denn das größte Problem
im Leben des Menschen ist der Mensch selbst. Je einfacher das
Leben wird, je mehr der Mensch die Welt beherrscht und ihre
Probleme löst, um so schwieriger und verworrener werden seine
eigenen Probleme, die zu Katastrophen führen können. Tag für
Tag werden viele Fragen durch die Wissenschaft beantwortet. Es
gibt aber eine dringende und problematische Frage. Sie lautet:
„Was ist der Mensch?“ Wie wir beobachten können, hat diese
Krise, die sich in der vorangegangenen Frage offenbart, die
Abendländer früher und intensiver erfasst als uns. Sie spüren
mehr als wir die katastrophalen Folgen ihrer Unwissenheit über
den Menschen, ein Gefühl, das unseren Intellektuellen nicht
fremd ist. Die grundlegende Frage für den heutigen Menschen
ist also: Was ist der Mensch? Es ist kaum möglich, die
Menschen betreffende Probleme zu lösen, ohne eine klärende,
richtige und logische Definition des Begriffes „Mensch“ zu
geben.
Der Grund, warum
die heutigen Erziehungsmethoden in eine ausweglose Situation
geraten sind, warum die auf unterschiedlichen philosophischen
Anschauungen beruhenden Erziehungssysteme trotz des
anfänglichen Wirbels keine Erfolge zeigen, liegt nicht immer
an der Erziehungsmethode, sondern daran, daß die großen
Erzieher der Welt und die Begründer der Erziehungssysteme vor
der Anwendung einer Erziehungsmethode die Frage beantworten
müssen, was eigentlich der Mensch ist.
Solange wir nicht
verstehen, was der Mensch ist, wie er sein soll -solange wir
keine klare Übereinstimmung hierüber erzielen, werden alle
unsere Bemühungen zur Reformierung der Kultur, Bildung und
Erziehung, der moralischen und gesellschaftlichen Verhältnisse
sinnlos. Wir würden einem Gärtner gleichen, der zwar die
Technik der Veredelung der Pflanzen, das Ausjäten, die
Gärtnerei und die Pflanzenkunde in höchster Vollkommenheit der
heutigen Wissenschaft beherrscht, sich jedoch keine Gedanken
darüber macht, welchen Baum er pflanzt oder welche Früchte für
die Gesellschaft notwendig sind. Es verhält sich heute
ähnlich mit allen, die den Menschen und die Gesellschaft
reformieren möchten. Es ist unmöglich, ein fortschrittliches
Erziehungssystem zu entwickeln, ohne sich vorher über das
Problem „Mensch“ im klaren zu sein. Es ist nicht möglich, daß
die gesellschaftlichen Systeme, sei es Marxismus oder
Sozialismus oder andere Ideologien, auf diesem Gebiet Erfolg
haben, ohne daß sie vorher erklären, was sie unter dem Begriff
„Mensch“ verstehen, bevor sie das Endziel definieren, das der
Mensch seiner Natur nach erreichen muß. Es muß grundsätzlich
geklärt werden, was für einen Menschen wir in einer
Hochentwickelten Gesellschaft, in einer großen Zivilisation
mit fortschrittlichen politischen und wirtschaftlichen
Bildungseinrichtungen heranbilden wollen. Daher müssen wir vor
allen Dingen wissen, wie der Mensch ist und wie er sein soll.
Das ist das grundlegende Problem, gleichgültig, ob wir
religiös sind oder Sozialist bzw. Anti-Sozialist,
fortschrittlich oder reaktionär; das Problem bleibt das
gleiche.
Der heutige Mensch
ist im Grunde genommen unbekannter denn je. Seit dem letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts haben sich die meisten
Philosophen und Denker, sogar Schriftsteller und Künstler mit
dem Problem „Mensch“ befaßt. Fast jeder hat seine eigenen
Untersuchungen darüber angestellt und sich eine Meinung
gebildet. Daher ist der Mensch heute unsicherer denn je.
Meine These geht
davon aus, daß der Mensch vier Zwängen unterliegt. Er sitzt
in einem vierfachen Gefängnis. Er wird naturgemäß dann zu
einem Menschen, wenn er sich von diesen vier Zwängen befreit.
Was sind nun diese
vier Gefängnisse bzw. Zwänge, wie kann sich ein Mensch von
ihnen befreien? Zuerst müssen wir klären, was wir unter dem
Begriff „Mensch“ verstehen, denn nur eine besondere Definition
kann zum Verständnis meiner These, daß der Mensch diesen
Zwängen unterliegt, beitragen.
Einer meiner
Freunde, der mit Forschungsarbeiten über den Koran beschäftigt
war, sagte: „Im Koran gibt es zwei Wörter für diesen Begriff.
Eins von ihnen bedeutet „Menschengestalt“, das andere
„Mensch“. Manchmal kommt „basar“ vor, manchmal
wird „insan“ gebraucht. Der Unterschied zwischen diesen
beiden Wörtern liegt darin, daß mit dem Wort „basar“
die Spezies des zweibeinigen Lebewesens, die am Ende des
Entwicklungsprozesses der Lebewesen auf die Erde gekommen ist,
und mit dem Wort „insan“ jene hohe, ungewöhnliche und
rätselhafte Wesen gemeint ist, das eine besondere Definition
erfordert, worin die Naturerscheinungen keinen Platz
einnehmen. Es gibt also zwei Arten von Menschen, eine, mit der
sich Biologen, Ärzte und Physiologen beschäftigen und eine
andere, die für Dichter, Philosophen und die Religion von
Interesse ist. Bei der ersten Art haben die einzelnen,
gleichgültig, ob sie schwarz, weiß, gelb, nördlich, südlich,
östlich, westlich, religiös oder nicht-religiös sind,
gemeinsame physiologische, biologische und psychologische
Eigenschaften. Aufgrund der für diese Definition relevanten
Gesetze sind Medizin, Pharmazie, Pharmakologie, Anatomie,
Diagnostik, Pathologie, Biologie und Psychologie entstanden.
Dass Wort in seiner zweiten Bedeutung ist der Inbegriff des
Menschseins. Es sind besondere Eigenschaften, die dazu führen,
daß jedes Mitglied des Menschengeschlechtes bis zu einem
gewissen Grad Mensch sein kann.“
Der Mensch, den wir
hier beschreiben, ist nicht derjenige, der gemeinsame
Eigenschaften mit den übrigen drei Milliarden seiner Art auf
der Erde hat. Alle Vertreter dieser Art gehören zwar gemeinsam
zum Menschengeschlecht (basar), sind jedoch
nicht alle Menschen. Jeder konnte also bis zu einem gewissen
Grad Mensch werden. Nach dieser Definition ist einer dem
Menschengeschlecht zugehörig wie der andere, unter ihnen gibt
es jedoch einige, die die Entwicklungsstufe des Menschwerdens
erreicht haben. Sie können sich auf einer höheren oder
niedrigeren Stufe dieser Entwicklung befinden. So gesehen
befinden sich die Vertreter des Menschengeschlechts in einem
Entwicklungsprozess zum Menschen hin.
Die Menschengestalt
(basar) ist ein „Sein“, der Mensch ist jedoch
ein „Werden“. Der Unterschied zwischen einem Mensch und einer
Menschengestalt sowie allen Erscheinungen der belebten und
unbelebten Natur liegt darin, daß jede Naturerscheinung ein
„Sein“ ist und nur der Mensch in der besagten Definition ein
„Werden“. Was heißt das? Als Beispiel nehmen wir die Ameise.
Es gibt Spuren von genauso gebaut, wie sie heute gebaut
werden. Die Ameise ist also ein „Sein“, ein überall und
jederzeit statisches Wesen. Sie hat eine unveränderliche
Definition. Das gilt für Berge, Sterne, Wasser, Pferde, Löwen,
Vögel und ebenso für die Angehörigen des Menschengeschlechts.
Sie haben ebenfalls eine unveränderliche Definition. Es
handelt sich um einen Seienden, der sich auf zwei Füßen
fortbewegt. Diese unveränderliche Definition gibt ein
Schriftsteller in seiner phantastischen Erzählung: Ein großer
Wissenschaftler fährt zum Mars. Als er auf den Straßen des
Mars spazieren geht, sieht er die Ankündigung seiner Fakultät
über die Rede eines Wissenschaftlers vom Mars, der eine Reise
zur Erde unternommen hatte und nun über die dort befindlichen
Lebewesen berichten möchte. Der Wissenschaftler von der Erde
geht zu dieser Veranstaltung und sieht, daß ein
Wissenschaftler vom Mars zum Rednerpult geht und erklärt, die
Theorie, es gäbe Leben auf der Erde, sei jetzt bewiesen. Die
letzten Forschungen hätten gezeigt, daß es dort sehr
Hochentwickelte Lebewesen gebe, eins davon heiße Mensch (basar).
„Ich kann es Ihnen natürlich nicht ganz klar machen, wie
dieses Lebewesen ist, weil Sie keine Vorstellung davon haben.
Ich möchte es kurz beschreiben: Es sieht so aus wie ein
Wasserschlauch mit zwei Löcher und vier Griffen. Man nennt sie
Menschen, sie kriechen auf der Erde mit einer ungewöhnlichen
und wilden Anstrengung von einer Seite zur anderen, die im
ganzen Sonnensystem beispiellos ist. Sie sind darauf
versessen, einander umzubringen. Mancherorts sammeln sie sich
und bewachen sich nach einem Plan und mit viel Aufregung mit
modernen Waffen und machen sich auf den Weg zu Orten, die sie
gar nicht kennen, lassen ihre Arbeit und Familie zurück,
stellen sich einander gegenüber und greifen sich gegenseitig
an. Ich dachte zuerst, sie brauchen einander wegen ihrer
Ernährung, stellte aber später fest, daß sie sich mit
ungewöhnlicher Mühe gegenseitig umbringen und dann nach Hause
zurückgehen. Dann ergreift wieder ein anderer die Initiative,
hetzt einige Leute auf die eine andere Gruppe angreifen. Kurz
gesagt, diese Art von Lebewesen, das man Mensch (basar)
nennt, hat eine lange Geschichte der Selbstquälerei und des
Selbstmordes. Sie benützen ihre ganze Ausrüstung, sich
gegenseitig umzubringen, ohne Gefühle des Hasses gegeneinander
zu hegen.
Ihre ganze
Ausrüstung, sich gegenseitig umzubringen, ohne Gefühle des
Hasses gegeneinander zu hegen. Nach den Massenmorden essen sie
weder das Fleisch der anderen, noch trinken sie deren Blut was
vielleicht das gegenseitige Morden rechtfertigen konnte. Ihre
Nahrung beziehen sie aus anderen Quellen. Nach dem
gegenseitigen Massenmord und dem Niederbrennen der Hauser
beschleicht sie ein Gefühl des Stolzes - ein psychischer
Zustand, der unverständlich ist. Sie dichten dann Epen über
diese Heldentaten. Sie bewegen sich auf der Erde fort und
sammeln alles, was ihnen in die Quere kommt, mit den Griffen,
die sie an den Seiten haben. Sie essen die delikate Nahrung,
das duftende Obst und das gute Gemüse nicht in dem Zustand,
wie sie auf der Erde vorkommen - das ist auch eine der
Dummheiten, die wir nicht ergründen können - sondern nehmen
die gesunde Nahrung wie Fleisch und Obst, machen ein Feuer,
füllen die Nahrung in besondere Töpfe, fügen übel schmeckende
und scharfe Gewürze hinzu, kochen, verbrennen und essen sie;
dann werden sie krank, fangen an zu jammern, der Arzt holt die
Nahrung mit Hilfe von technischen Mitteln aus ihren Magen. Aus
diesem Grunde sind die Ärzte in ihrer Gesellschaft
respektable und gut verdienende Leute. Das sind die
Krankheiten des Menschen auf der Erde. Obwohl er sehr
fortschrittlich ist und die Erde beherrscht, ist er von einem
Wahnsinn befallen, der bei keinem Tier zu beobachten ist."
Das ist das
hässliche Bild des Menschen, und das entspricht der Wahrheit.
Wenn Sie die Geschichte des Menschen lesen, die Geschichte
seiner Dummheiten, ist sie immer umfangreicher und
interessanter als die Geschichte seiner vernünftigen Taten.
Heute verhält es sich genauso. Diese Art von Mensch ist immer
statisch; die Beschreibung passt auf ihn heute noch wie auf
die der Affen vor 50 000 Jahren. Seine Waffen, Kleidung und
Nahrung haben sich geändert. Seine Eigenschaften sind die
gleichen geblieben. Dschingis Khan, der über ein primitives
und unzivilisiertes Volk herrschte, unterschied sich nicht
von den großen Kaisern, die in der Vergangenheit über große
Zivilisationen herrschten; auch die heutigen Führer, die die
großen Wirtschaftssysteme und starken Regime der heutigen
Zivilisation leiten, unterscheiden sich nicht wesentlich von
ihnen. Der Unterschied besteht vielleicht darin, daß die
früheren diese Ausrüstung nicht besaßen und die heutige
Bildung nicht genossen hatten. Die früheren Herrscher gaben
offen zu, daß sie gekommen waren, um zu töten, aber die
heutigen zivilisierten Angreifer töten und erklären, daß sie
gekommen sind, um den Frieden herzustellen. Nur die Sprache,
das Lügen und die Rechtfertigung haben sich entwickelt.
Spaltung, Lüge, Mord, Rachegelüste und Ausplünderung sind so
geblieben wie sie waren oder haben sich verstärkt. Der Mensch
in dieser Bedeutung ist ein statisches Wesen, das wir als
Menschengestalt bezeichnen, aber der Mensch im Sinne jener
höheren Werte, der zu werden wir uns bemühen, besitzt höhere
und ideale Eigenschaften, die anzustreben sind; ein Wesen, das
noch nicht ist, aber sein soll. Das Ziel ist also das Mensch
werden. Das Menschwerden ist wiederum kein statischer Zustand,
der Mensch ist ständig im Werden, in einem unendlichen
Entwicklungsprozeß. Inna li illahi wa inna ilaihi raği'u'n:
"Wir gehören Gott und zu ihm kehren wir zurück" (Koranl.
Hierin ist eine humanistische Philosophie enthalten. "ilaihi
raği'un" bedeutet, daß der Mensch zu Gott zurückkehrt. Der
Ausdruck "ilaihi: zu ihm" ist für diese Diskussion
relevant. Im Gegensatz zu den Mystikern, die behaupten, daß
der Mensch Gott erreicht (wenn Hallac meint, daß er Gott
erreicht hat, bestimmt er damit einen konstanten Platz für
Gott, den der Mensch erreicht und sich somit bei Gott
aufhält), bedeutet "ilaihi" "zu ihm hin" aber nicht "in
ihm". Wer ist "er"? Gott. Was bedeutet "zu Gott hin"? Gott hat
keinen bestimmten Aufenthaltsort, so daß, wenn der Mensch ihn
erreicht, er seine Bewegung beenden und sich dort aufhalten
könnte. Gott ist unendlich und absolut. So gesehen bekommt
die Bewegung des Menschen zu Gott hin eine andere Bedeutung.
Sie ist unendlich, ständig und unaufhörlich im
Entwicklungsprozess zur unendlichen Erhabenheit. Das ist die
Bedeutung des Werdens, des Menschwerdens.
Der Mensch, der im
Werden begriffen ist, hat drei Eigenschaften. Er ist
selbstwählend, bewußt und schöpferisch. Alle anderen
Eigenschaften des Menschen basieren darauf. Wenn wir die
Entwicklungsstufe des Selbstbewusstseins erreichen, können wir
selbst wählen. Nach dieser Entwicklung können wir Dinge
schaffen, die die Natur nicht geschaffen hat.
Nachdem wir geklärt
haben, welche Eigenschaften der zu werdende Mensch besitzen
soll, müssen wir die auf diesem Weg auftreten den Hindernisse
erkennen, um sie zu überwinden und unseren Weg, unsere
geistige und innere Wanderung im Entwicklungsprozess
fortzusetzen.
Es gibt vier
Zwänge, die den Menschen daran hindern, die Entwicklungsstufe
des Selbstbewusstseins zu erreichen, seine eigene Wahl zu
treffen und schöpferisch zu sein. Es gibt einen bekannten Satz
von Descartes: "Ich denke - also bin ich". Damit drückt er
seinen Zweifel aus. Er zweifelt an allem außer an der Tatsache
des Zweifelns selber. Von hieraus kommt Descartes zu dem
Schluss, daß es ihn gibt, weil er zweifelt. Aufgrund dieses
Satzes versucht er, seine Philosophie zu begründen.
Eine Variante
dieser Äußerung ist von Andre Gide bekannt geworden: "Ich
empfinde, also bin ich". Albert Camus sagt in Umwandlung
dieses Satzes: "Ich lehne mich auf, also bin ich". Die
letztere Feststellung ist richtiger. Alle drei sind Indizien
für das "Sein". Alle drei Aussagen sind richtig. Wer denkt,
muß schon existieren, um denken zu können. Ebenso verhalf es
sich mit dem Empfinden und Sich auflehnen. Von diesen drei
Indizien, die das Sein begründen, ist das "Sich auflehnen" die
höchste Eigenschaft des Menschen. Solange Adam im Paradies war
und sich gegen diese Ordnung nicht aufgelehnt hatte, war er
noch kein Mensch, sondern ein Engel. Er lehnte sich gegen das
Konsumleben des Paradieses auf, aß die verbotene Frucht (die
Frucht der Erkenntnis und der Auflehnung) und wurde aus dem
Paradies vertrieben. Es war ein Paradies des Wohlstandes und
des tierischen Konsums, nicht aber das gelobte Himmelreich
(denn das gelobte Paradies ist das Gegenteil dessen, aus dem
er vertrieben wurde). Er kommt auf die Erde und hat die
Aufgabe, seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten und zu
erkämpfen. Wenn die Eltern das Kind verdammen und aus dem
Hause jagen, übertragen sie ihm ebenfalls die Verantwortung
für seinen Lebensunterhalt. In diesem Sinne spricht Sartre in
seiner Existenzphilosophie vom Delaissement, vom "Sichselbstüberlassensein"
des Menschen. Das heißt, daß er im Gegensatz zu allen Tieren,
die von natürlichen Instinkten getrieben werden und keine
eigene Wahl treffen können, selbst die Verantwortung für sein
eigenes Leben trägt. Der Mensch, der die Stufe des
Selbstbewußtseins erreicht und sich gegen das Paradies und gar
gegen den Willen Gottes aufgelehnt hat, ist ein neues
Geschöpf, das in der Welt geschaffen wurde. Es ist der selbe
Mensch, der seine Erlösung in Verehrung und Gehorsamkeit Gott
gegenüber sucht. Auf der Suche nach Erlösung hat er sich für
die Gehorsamkeit entschieden, seine Wahl getroffen. Die
Gehorsamkeit eines Menschen, der von Beginn an ein unbewußter
Diener ist und sich wie ein Tier nicht auflehnen kann, ist
wertlos. Die Gehorsamkeit eines Menschen, der sich aufgelehnt
hat, beruht auf seinem eigenen Willen. Der Mensch ist also das
einzige Seiende in der Natur, das seine eigene Wahl treffen
kann. Er lehnt sich auf, also wählt er. Wenn Camus sagt, daß
er gegen die herrschende Ordnung revoltiert, sich gegen die
Natur und Gesellschaft auflehnt und anderen Stelle etwas
anderes wählt, bedeutet das, daß er ein Mensch geworden ist.
Die Aussagen von Descartes und Gide "Ich denke, also bin ich"
bzw. "Ich empfinde, also bin ich" beweisen lediglich das
Dasein. Sie haben noch nicht das Menschsein bewiesen.
Der Mensch ist ein
selbstbewußtes Wesen, d.h. er ist das einzige Seiende in der
Natur, das die Stufe des Selbstbewußtseins erreicht hat. Das
Selbstbewußtsein definieren wir wie folgt:
Das
Selbstbewußtsein ist das Bewußtsein des Menschen von sich
selbst, von der Natur, der Gestaltung der Welt und von der Art
seiner Beziehungen zu dieser Welt.
In dem Maße, wie
die Angehörigen des Menschengeschlechts diese drei
Bewußtseinsebenen erreichen, werden sie zu Menschen.
Ist er
selbstwählend? Er ist das einzige Seiende in der Natur, das
sich gegen die Natur, gegen die herrschende Ordnung, sogar
gegen eigene geistige und körperliche Bedürfnisse und eigene
natürliche und instinktive Triebe auflehnt. Er trifft eine
Wahl, zu der ihn weder die Natur noch die physiologische
Beschaffenheit seines Körpers gezwungen haben. Es ist die
höchste Stufe des Menschwerdens. Es sind Eigenschaften
göttlicher Natur. Tiere sind wie Apparate, die durch die in
ihnen eingebauten instinktiven Triebe bewegt werden. Der
Geschlechtstrieb des Schafes wird einmal im Jahr wach. Es kann
ihn nicht verdrängen, es muß ihn in dieser bestimmten
Jahreszeit befriedigen. Danach stellt der Geschlechtstrieb für
das Schaf kein Problem mehr dar. Die Leidenschaft entsteht,
sie wird geäußert und legt sich wieder. Diese Eigenschaft wird
dem Schaf von der Natur aufgezwungen. Sie entsteht und vergeht
je nach den Erfordernissen seiner Natur. Nur der Mensch allein
lehnt sich gegen seine eigene Natur auf. Er begeht Selbstmord
trotz instinktiver Eigenliebe; trotz natürlicher
Selbsterhaltungsinstinkte, die ihn zum Schutze des eigenen
Lebens treiben, opfert er sich für eine Idee bzw. für andere.
Er hat gegen seine natürlichen Eigenschaften, die ihn
veranlassen, den Wohlstand und Konsum zu suchen, eine Wahl
getroffen. Er kann dagegen protestieren und revoltieren und
sich der Frömmigkeit und Askese hingeben. Das sind Indizien
dafür, daß nur dieses Seiende imstande ist zu wählen, trotz
der Grunde, die es ermutigen, eine andere Wahl zu treffen.
Der Mensch ist ein
schöpferisches Wesen. Das Schaffen von kleinsten bis zu
größten künstlerischen und technischen Werken ist eine
Offenbarung der schöpferischen Kraft in der Natur des
Menschen. Nur der Mensch kann gestalten; daher wird er
bisweilen als ein werkzeugbauendes Tier definiert. Der Mensch
stellt aber nicht nur das Werkzeug her, sondern noch viel
mehr. Mit dem menschlichen Schaffen verhält es sich
folgendermaßen: Seine Bedürfnisse entwickeln sich dermaßen,
daß er Dinge verlangt, die in der Natur nicht vorhanden sind.
Das ist an sich ein Indiz dafür, daß hier ein Mensch
existiert. Wenn der Mensch sich mit dem begnügt, was in seiner
Umgebung vorhanden ist, ist er ein naturgebundenes Tier, das
auf der Suche nach der von der Natur gebotenen täglichen
Nahrung ist. Ab hier trennt sich sein Weg im
Entwicklungsprozeß von dem des ihm vorausgegangenen Tieres. Er
erreicht eine Entwicklungsstufe, in der außer seinen
natürlichen Bedürfnissen noch andere ihn bewegen, die durch
die in der Natur befindlichen Möglichkeiten nicht zu
befriedigen sind. Das besagt, daß der Mensch eine
Entwicklungsstufe erreicht hat, die höher ist als die gesamten
Möglichkeiten der Natur. Seine Möglichkeiten und Bedürfnisse
haben sich mehr entwickelt als die gesamte schöpferische Kraft
der materiellen Natur. Hier erreicht der Mensch nach den
Worten Heideggers die Einsamkeit. Die Stufe der Einsamkeit
erreicht der Mensch, wenn er empfindet, daß er nicht aus der
gleichen Materie ist wie die materielle Natur. Erst wenn er
spürt, daß sich seine angeborenen Veranlagungen von den
Veranlagungen anderer Tiere unterscheiden, wird er sich bewußt,
daß er nicht hierher gehört. Er wird von den Idealen
angezogen, die in der Natur nicht existieren. Er leistet
schöpferische Arbeit. Erst fängt er klein an. Er möchte auf's
Dach steigen, er möchte fliegen. Die Natur hat ihm aber keine
Flügel gegeben. Er baut eine Leiter und klettert auf's Dach.
So beginnt er mit dem Werkzeugbau, bis er Schiffe, Flugzeuge,
Raumschiffe und dergleichen baut.
Die Industrie ist
die Summe der menschlichen Kreativität, mit der er versucht,
die Natur unter seine Gewalt zu bringen. Er versucht mit Hilfe
der Möglichkeiten, die ihm die Kreativität bietet, das in der
Natur Nichtleichtverfügbare zu bekommen. Es gibt Öl unter der
Erde; er kann es mit den in der Natur verfügbaren
Möglichkeiten nicht nutzen. Mit den ihm gegebenen
Möglichkeiten kann er ebenfalls die Pflanzen nicht nutzen. Öl-
und Agrarindustrie geben ihm neue Möglichkeiten, die in der
Natur nicht gegeben sind.
Die zweite
Kreativität ist anderer Art. Es ist die künstlerische
Kreativität. Die Definition, der Mensch sei ein
werkzeugbauendes Tier, versagt hier vollends. Künstlerisches
Schaffen ist eine Offenbarung des göttlichen Geistes im
Menschen. Die Kunst ist wie das Handwerk die Offenbarung der
schöpferischen Fähigkeit des Menschen in der Natur. Das
Handwerk ist eine menschliche Kreativität, die dem Menschen
ermöglicht, das in der Natur Verfügbare zu bekommen. Die
Kunst ist dagegen eine Kreativität, welche die Bedürfnisse
befriedigen soll, die von der Natur nicht befriedigt werden
können. Sie ist also ein Supraindustrielles Schaffen, um die
Natur nicht so, wie sie ist, sondern nach eigenem Geschmack zu
schmücken. Der Mensch versucht, die Fehler, die er in der
Natur zu finden glaubt, die Mangel, die er je nach Entwicklung
seiner ideellen Bedürfnisse empfindet, durch künstlerisches
Schaffen zu beseitigen. Die Kunst ist also die Fortsetzung der
Arbeit der Natur, um ihr das den Bedürfnissen des Menschen
Entsprechende zu geben. So ist die konstruktive und
künstlerische Tätigkeit die Eigenschaft des Menschen, welche
die dritte Dimension des menschlichen Geistes (die
Kreativität) offenbart.
Nun ergibt sich
folgende Definition: Der Mensch, den wir meinen (die
menschliche Entwicklung, die wir anstreben, welche
andererseits die Richtung unserer Erziehungspolitik in der
Gesellschaft, im kulturellen Leben und in den
gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt) ist ein
dreidimensionales Wesen, ein Wesen ausgestattet mit drei
Fähigkeiten: 1. mit dem Bewußtsein von sich selbst, von der
Welt und von seinem Verhältnis zu ihr (nur der Mensch hat das
Bewußtsein, sich und die Welt wahrzunehmen und seine Stellung
in der Welt zu finden); 2. mit der Fähigkeit zur eigenen Wahl
und Freiheit; 3. mit Kreativität in Kunst und Handwerk.
Dieses mit
Selbstbewußtsein ausgestattete freie und kreative Wesen ist
also der Mensch. Wir stellen fest, daß es drei göttliche
Eigenschaften sind. Gott ist ein Wesen mit dem
Selbstbewußtsein und Willen zum Schaffen. Der Mensch, von dem
die Rede ist, das EbenbiId Gottes, ist ein Wesen, das im
Gegensatz zur Natur die Fähigkeit besitzt, göttliche
Eigenschaften in sich aufzunehmen, sich zu erziehen und zu
entwickeln. Nach den Worten von Mohammad soll der Mensch die
Eigenschaften Gottes annehmen: Das heißt, der Mensch wird
Stellvertreter Gottes auf Erden - der von uns beschriebene
Mensch, nicht die Menschengestalt. Die Menschengestalt kann
kein SteIIvertreter Gottes auf Erden sein. Er ist
Stellvertreter des Affen. Nur der Mensch kann sich gegen die
Natur stellen und zu einem Lebewesen werden, das imstande ist,
sowohl sich aufzulehnen, zu wählen und der Natur zum Trotz zu
schaffen als auch selbstbewußt zu sein. In ihrer Absolutheit
sind das göttliche Eigenschaften. Bei dem Menschen sind sie
relativ.
Diesen
selbstbewußten, frei wählenden und schöpferischen Menschen
bedrücken vier Zwänge. Sie halten ihn vom Selbstbewußtsein,
Wählen und der Kreativität ab. Nun, das große Unglück des
heutigen Menschen besteht darin, daß die Ideologien, so sehr
sie auch menschIiche Bedürfnisse befriedigen, dem Menschen
selbst relativ wenig Selbstbewutsein ermitteln. Sie entwickeln
zwar die Gesellschaft und geben ihr genügend Macht,
vernachlässigen jedoch den Menschen selbst. Wie
vernachlässigen sie ihn?
In Europa gibt es
einen Herrn Abdolqader Malek. Er ist einer der Enkel des
berühmten algerischen Kämpfers Abdolqader. Er selbst ist
jedoch nichts Besonderes. Im College de France hielt er eine
Rede über Fanatismus im lslam". Er sprach über die Demütigung
des Menschen in der islamischen Lehre; darin werde der Mensch
verachtet und erniedrigt; er sei dort ein dekadentes Wesen.
Der Glaube an Determinismus, Vorherbestimmung und die allein
seligmachende Kraft des Gebetes führe zum Unglück. Ich
protestierte daraufhin und sagte ihm: "Der Fanatismus, den Sie
dem Islam zuschreiben, paßt besser zu Ihnen, denn Sie
verkörpern alle Eigenschaften, die Sie erwähnten. Vom
logischen Standpunkt aus hatten Sie erkennen müssen, daß der
Mensch, wie wir ihn definieren, Stellvertreter Gottes wird. Er
erhält die Anweisung, Gottes Eigenschaften anzunehmen. Nach
dieser Definition ist er berufen, selbstbewußt, frei wählend
und schöpferisch zu sein und die Welt zu gestalten. Wird der
Mensch hier oder in jenen modernen Ideologien gedemütigt, die
trotz ihrer progressiven und logischen Aspekte die Menschen
opfern?"
Nach dem Standpunkt
des Materialismus ist das Wesen des Menschen materieller
Natur. Schon zu Beginn dieser Definition wird er im Rahmen
einer Entwicklung, die sich auf Materie beschränkt,
gefangengehalten. Wenn der Mensch materieller Natur wäre,
konnte er sich nicht mehr entwickeln, als es im Rahmen der
Materie möglich ist. Das bedeutet die Beschränkung der
menschlichen Entwicklung auf materielle Phänomene und im
Rahmen der Materie.
Ein anderes
Hindernis ist der Naturalismus, der sich seit dem 18.
Jahrhundert bis Anfang des 19. Jahrhunderts weit ausbreitete.
Der Naturalismus betrachtet die Natur als ein lebendiges Wesen
ohne Selbstbewußtsein. Der Mensch sei ein Produkt der
lebendigen Natur, folglich auch ohne Selbstbewußtsein. Er
werde also von der Natur geschaffen. Ich fühle mich nur
insofern frei, könne nur so wählen oder so schaffen, wie die
Natur es mir erlaube. So hat man die Freiheit des Menschen
innerhalb der Grenzen, die der Begabung und Fähigkeit des
Menschen gesetzt sind, eingeschränkt. Das heißt, der Mensch
wird immer als eine Naturerscheinung betrachtet, die in der
Natur vorkommt, wohl aber entwickelter ist als alte anderen
Erscheinungen. Eben diese Einschränkung nimmt mir die
Freiheit, so zu denken, zu wählen und zu schaffen, wie ich es
gerne möchte. Die Existenzphilosophie Heideggers und Sartres
will zwar ohne Gott und Metaphysik auskommen, Sartre stellt
aber trotzdem fest, daß sich der Mensch seinem Wesen nach von
allem anderen Seienden in der Natur unterscheidet. Diese
Unterscheidung ist gerade aufgrund seiner metaphysikfreien
Philosophie verwunderlich. Er unterscheidet den Menschen nicht
nur von anderen Seienden der Natur, sondern setzt ihn in
Gegensatz zu anderen Seienden und stellt fest, daß bei allem
Seienden der Natur erst das Sosein bestimmt wurde und dann
das Dasein, beim Menschen jedoch erst das Dasein zustande kam
und dann das Sosein. Warum argumentiert er so? Weil er ohne
Gott auskommen will und den Menschen durch Materialismus,
Natur und materielle Natur erklären muß. Daher opfert er den
Menschen und das Menschsein und behauptet notwendigerweise,
daß das Sosein (Essentia) aller Seienden ihrem Da sein (Existentia)
vorausgehe, wobei es bei dem Menschen umgekehrt sei. Wenn Sie
einen Tischler, der einen Stuhl anfertigen möchte, fragen, was
ein Stuhl ist, wird er Ihnen wahrscheinlich antworten: "Ein
Stuhl ist eine hölzerne Sitzgelegenheit mit vier Füßen und
einer Lehne von dieser oder jener Farbe." Mit diesen Worten
beschreibt er das Sosein des Stuhles, obwohl der Stuhl noch
nicht da ist. Dann baut er den Stuhl und gibt somit dem Sosein
des Stuhles das Dasein.
Mit dem Menschen
verhäIt es sich anders: er ist schon da, er existiert. Wie
existiert er? Das erfahren wir später, weil das Wie des
menschlichen Daseins davon abhängt, was er aus sich macht. Der
Mensch ist im Gegensatz zu allen anderen Seienden, deren
Essenz im voraus bekannt ist und die erst später existieren,
unbekannte Essenz, welche schon existiert. Er ist mit dem
Willen ausgestattet, sein amorphes Selbst zu formen, d.h.
seine Essenz zu gestalten, nachdem er schon existiert. Die
Natur oder Gott hat uns unsere Existenz gegeben, unsere Essenz
müssen wir mit unserem Willen bilden; denn wenn wir nach den
Worten Sartres dem Menschen seinen Willen und seine Wahl
nehmen, ist er kein Mensch mehr. Darin ist die "Angst" Sartres
begründet; eine berechtigte Angst, denn wenn wir von
Materialismus und Naturalismus ausgehen, wie das heute des
öfteren der Fall ist, setzen wir die Menschen hinter den
Mauern des Seins gefangen. Wer der Entwicklung des Menschen
Grenzen setzt, begeht Verbrechen an der Menschheit. Die
Pantheisten opfern den Menschen ebenfalls, obwohl sie einem
göttlichen Idealismus huldigen; denn der Determinismus, an den
auch einige islamische Deterministen glauben, ist in der
indischen Philosophie und in den Lehren einiger mystischer
Schulen sowie der katholischen Religion zu beobachten. Nach
dieser Lehre habe Gott den Menschen erschaffen wie er ist,
seine Eigenschaften, seinen Willen und das Böse und das Gute
in ihm habe er im voraus bestimmt; daher könne der Mensch nur
so sein, wie er vorgesehen sei, Hier wird der Mensch ebenfalls
geopfert, dieses Mal einem Zwang der Vorsehung. Wenn Hafez
sagt: "Da unser Schicksal ohne unsere Beteiligung
vorherbestimmt würde, klage nicht, wenn manches nicht nach
Wunsch verläuft!", meint er damit: Gott habe uns nicht
gefragt, wie wir es gerne hätten, er habe uns nach eigener
Vorstellung geschaffen und in die Welt verstreut. Wir hatten
uns damit abzufinden, er habe uns weder nach unserer Meinung
gefragt, noch habe er uns die Wahl gelassen. Nach dieser
Philosophie sollte man in Anlehnung an Hafez eher sagen:
"Klage nicht, auch wenn gar nichts nach Wunsch verläuft!" Denn
hier handelt es sich um höhere Gewalt; was kann man schon
dagegen ausrichten? Sogar das Protestieren ist falsch. Es ist
falsch wie das Protestieren Albert Camus' (welches in einem
anderen Sinne falsch war/. Er sagt: "Ich protestiere." Dann
wird er gefragt: "Bei wem? Etwa bei Gott? Glauben Sie denn an
Gott?" "Nein", antwortet er. "Bei wem protestieren Sie denn?"
wird er gefragt. "Wenn Sie an eine Natur ohne Selbstbewußtsein
glauben dann sind wir auch ohne Selbstbewußtsein geschaffen
worden. Man kann nur bei einem verantwortungsbewußten Menschen
wegen einer Verantwortung protestieren. Sie glauben ja doch
nicht an diese Verantwortung in der Welt. Protestieren Sie nur
einfach so?" Da sagt er etwas Sinnloses: "Mein Protest richtet
sich an keinen Bestimmten, ich protestiere, weil ich nichts
anderes kann."
Wenn die göttliche
Bestimmung ohne den Willen und die Entscheidung des Menschen
geschieht, trägt der Mensch keine Verantwortung. Der Mensch,
der keine Verantwortung übernehmen kann, ist kein Mensch.
Das 19. Jahrhundert
war das Jahrhundert des Materialismus und Naturalismus. Das
Mittelalter war die Zeit des Determinismus. Diesen Zwang
propagierte das Christentum. Er wurde vom Zwang des
Materialismus und Naturalismus abgelöst. Im Mittelalter
behaupteten die Priester, die Menschen seien so geschaffen,
wie Gott sie haben wollte, sie hatten keinen eigenen Willen.
Im 19. Jahrhundert wird Gott durch Natur und Materie ersetzt,
d.h. wir haben uns Herren niedrigeren Ranges genommen. Mit dem
Materialismus kommt man im 20. Jahrhundert nicht weiter. Er
bietet keine wissenschaftliche Stütze für die Probleme dieser
Zeit. Die Idee des Naturalismus war schon vorher zum
Untergang verdammt, weil er seinen Ursprung im 18.
Jahrhundert hatte.
Es gibt noch drei
andere philosophische Schulen, die dem Menschen die freie Wahl
und das Selbstbewußtsein absprechen: den Historismus, den
Soziologismus und als letzten den Biologismus.
Der Historismus
behauptet: der Mensch sei geworden durch seine Geschichte; er
sei so geworden, wie seine Geschichte es erfordere. Die
Eigenschaften, die ich besitze, sind also aus meiner hinter
mir liegenden, bis in den Anfang reichenden Geschichte
entstanden. Meine Geschichte ist also ein Geflecht aus der
iranischen, islamischen und schiitischen Geschichte, das den
Verlauf meiner Vergangenheit bestimmt und bis in die Gegenwart
reicht, in der ich zur Welt kam, aufwuchs und erzogen wurde.
Eigenschaften, die ich besitze, verdanke ich meiner
Geschichte. Wäre ich statt dessen nach der Französischen
Revolution, in der Renaissance, im Mittelalter oder im
heutigen Westen zur Welt gekommen, hatte ich eine andere
Sprache, andere Gedanken und Gefühle und andere moralische
Begriffe und Methoden. Dieses Ich und jenes Ich sind zwei
verschiedene Menschen, weil ihr geschichtlicher Werdegang
unterschiedlich ist. Schon wieder werden meine Eigenschaften
ohne meinen Einfluß durch einen anderen Faktor, dieses Mal
durch den Historismus, bestimmt. Habe ich da eine Wahl? Nein,
die Wahl hat schon die Geschichte für mich getroffen. Wenn ich
Sie heute in Persisch anrede und Sie mich in dieser Sprache
verstehen, geschieht dies nicht deshalb, weil wir das
Persische gewählt haben, sondern weil unsere Geschichte diese
Wahl für uns getroffen hat. Wir haben unsere Sprache von
Anfang an als eine historische Notwendigkeit akzeptiert, sie
gesprochen und uns diesem Zwang unterworfen. Den Islam hat
unsere Geschichte für uns gewählt, nicht wir. An dieser Wahl
waren wir nicht beteiligt. Wir wachsen in einer von unserer
Geschichte geprägten Umwelt auf. Wie unsere Hautfarbe von der
Natur bestimmt wird, so wird unser Geist von der Geschichte
vorbestimmt.
Der nächste Zwang
ist der Soziologismus. Diese Lehrmeinung geht davon aus, daß
der Einfluß der Natur und Geschichte auf den Menschen und
seine Entwicklung unbedeutend sei, dagegen aber die soziale
Umwelt und Ordnung großen Einfluss auf die Entwicklung des
Menschen ausüben. Bin ich großzügig, fanatisch und
heldenmutig, dann bin ich in einer feudalistischen
Gesellschaft aufgewachsen. Drehe ich den Pfennig dreimal um
und bleibe am Geld hängen, dann bin ich in einer bourgeoisen
Gesellschaftsordnung aufgewachsen. Macht mir das Reiten und
Schießen Spaß, dann habe ich ein Nomadenleben hinter mir. Die
Gesellschaftsordnung, d.h. die gesellschaftlichen
Verhältnisse, Produktions- und Eigentumsverhältnisse,
Produktionsmittel, Klassenverhältnisse und die herrschende
gesellschaftliche Form sind Faktoren, die einen Menschen
prägen.
Bin ich schlecht,
so ist die soziale Umwelt daran schuld. Bin ich gut, ist es
nicht mein Verdienst, weil ich es meiner sozialen Umwelt
verdanke. Im Soziologismus gibt es kein Individuum. Es gibt
kein selbst bestimmendes Ich; jeder ist so, wie er von der
Gesellschaft geformt worden ist. Er ist kein Mensch, weil er
keine eigene Wahl trifft. Mensch ist derjenige, der sagen
kann: "Ich habe dies aus diesem oder jenem Grunde gewählt." Er
trifft eine Wahl, obwohl er nicht zu wählen braucht. Das ist
das Stadium des Menschseins. Moulawi drückt es so aus: "Daß Du
fragen kannst, soll ich mich so oder so verhalten?, ist ein
Zeichen Deiner Entscheidungsfreiheit." Der Soziologismus
behauptet dagegen, daß dieser Zweifel ebenfalls durch eine
soziale Umwelt in dir hervorgerufen werde. Während dir manche
soziale Faktoren eine gewisse Wahl nahe legten, zwängen dich
wiederum andere Faktoren zu einer anderen Wahl. Da du unter
zwei verschiedenen Einflüssen ständest, kämen dir Zweifel.
Manche könnten sich z.B. nicht entscheiden, ob sie religiös
oder nicht-religiös sein wollen, ob sie die Religion oder den
Atheismus wählen wollen. Dazu wird wiederum gesagt, die
Unentschlossenheit, ob du die Religion oder den Atheismus
wählen sollst, sei darauf zurückzuführen, daß einige soziale
Faktoren dich religiös erziehen möchten, während andere, vom
Westen übernommene Faktoren dich von der Religion fernhalten
wollen. Nun bist du wie eine Puppe diesen Einflüssen
ausgesetzt; wählst du die Religion, so haben sich die
religiösen Gesellschaftsfaktoren durchgesetzt; entscheidest du
dich für den Atheismus, so stellt sich heraus, daß sich die
von außen übernommenen Gesellschaftsfaktoren gegen die
traditionellen durchgesetzt haben. Du bist also das Spielzeug
der von deiner Gesellschaftsordnung getroffenen Entscheidung.
Der letzte Zwang
ist der Zwang des Biologismus. Hier versucht man, den Menschen
aus den verkrusteten Strukturen des Materialismus zu befreien
und ihm gewissermaßen einen höheren Rang zu geben. Das zeigt
schon, daß die Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts den
Menschen nicht mehr im engen Rahmen der materialistischen
Definition der vergangenen Jahrhunderte verstehen und erklären
können. Nach der Lehre des Biologismus entstehe der Mensch aus
der Summe der in einem komplexen und weitentwickelten Gewebe
verwobenen physiologischen und psychologischen Eigenschaften.
Jeder Mensch existiere nach den biologisch bestimmten
Gesetzen. Der Biologismus räumt dem Menschen zwar einen
höheren Rang als der Materialismus und Naturalismus ein und
erhebt ihn über die gewöhnliche Naturerscheinung und Materie,
spricht ihm aber Freiheit und Selbstbewußtsein ab. Wenn ich
sage, ich sei das Spielzeug meiner unbewußten biologischen
Eigenschaften, dann leugne ich mein eigenes Ich. Es wird
behauptet, daß schlanke Menschen klug und dicke freundlich
seien. Daraus kann man also schließen, daß die Klugheit des
Menschen mit ihm selbst nichts zutun hat sondern mit seinem
Gewicht. Einem freundlichen und liebenswürdigen Menschen
gegenüber müßten wir also keine Dankbarkeit empfinden, weil
dieses Verhalten mit dem Menschen als solchem nichts zu tun
habe sondern mit seinem Bauch. Der biologische Aufbaus seines
Körpers erfordere diese Liebenswürdigkeit, er könne sich gar
nicht anders verhalten.
Wie wir
sehen, hat der Biologismus entgegen der Behauptung dem
Menschen im Gegensatz zu den Lehrmeinungen des19. Jahrhunderts
einen höheren Rang eingeräumt, den von der Religion
angestrebten Menschen als Ebenbild Gottes indes geleugnet. Nun
wissen Sie, was, ich unter den vier Gefängnissen verstehe.
Diese Lehrmeinungen bzw. diese Zwänge kann man wie folgt
zusammen fassen: Erstens ist der selbstbewußte und
schöpferische Mensch dem Zwang der Natur unterworfen, worauf
sich die naturalistische Weltanschauung stützt. Das ist sein
erstes Gefängnis. Der zweite Zwang ist der historische Zwang,
worauf sich die historische Weltanschauung stützt. Emerson
wurde einmal gefragt: "Was ist Geschichte?" Er antwortete:
"Was ist nicht Geschichte?" D.h. alles Seiende sei auf die
Geschichte zurückzuführen. Nach dem historischen Bewußtsein
habe die Geschichte meine Gewordenheit und Essenz geschaffen.
Da ich meine Geschichte nicht bestimme, bestimme ich auch
nicht mein Ich.
Der dritte Zwang
ist der Soziologismus, also die Anschauung, daß das Individuum
ein Produkt der Gesellschaft sei.
Ich lehne weder
Naturalismus noch Soziologismus und Historismus ab. Ich
akzeptiere alle drei, jedoch mit der Einschränkung -und darauf
kommt es mir an -, daß der Mensch dabei seine eigene Wahl
trifft. Der Mensch ist in der Tat im Laufe seiner Entwicklung
eine natürliche und materielle Erscheinung. Er ist geworden
durch sein Geschichte, seine Umwelt und Gesellschaft. Eine
nomadische Gesellschaftsform beeinflußt natürlich die geistige
Haltung dieser Gesellschaft. Wer so lebt, hat diese Lebensform
nicht selber gewählt. Die besonderen Gesellschafts- und
Produktionsverhältnisse haben sie dazu gezwungen, in Zelten zu
leben und von einem Ort zum anderen zu ziehen. Anderenorts
erfordern die natürlichen Gegebenheiten, daß die Menschen
Fischfang und Jagd betreiben, daß sie in den Wäldern leben
oder andere Lebensgewohnheiten annehmen. Wenn sich ihre
Gesellschaftsform soweit entwickelt, daß sie Land wirtschaft
betreiben und auf dem Lande und in den Städten ansässig
werden, andern sich allmählich ihre Lebensform, Beziehungen,
Traditionen und Verhaltensweisen. Diese Veränderungen finden
nicht aufgrund eigener Entscheidung statt, sondern aufgrund
der veränderten Produktionsverhältnisse. Der Mensch ist also
in der Tat ein Produkt seiner natürlichen Umgebung, seiner
Geschichte und Gesellschaft. Verändert sich die Umwelt, bleibt
der Mensch davon nicht unbetroffen. Ein bedeutender Künstler,
der Muster für Teppiche entwarf, erzählte: "Ich wurde einmal
gebeten, in einem Gefängnis die Gefangenen Teppichknüpfen zu
lehren. Mit den Verantwortlichen traf ich die Vereinbarung,
daß ich für diejenigen Begnadigung beantragen dürfe, welche
diese Kunst in ihren Feinheiten erlernt haben werden. Meine
Schüler waren zum größten Teil Kriminelle. Schon ihr Aussehen
verriet ihre unruhige und aggressive Natur. Wir machten uns an
die Arbeit. Sie mußten die Schattierungen der Farben erkennen,
Gefühl für ihre Zusammensetzung entwickeln,
Fingerspitzengefühl haben, um sie ineinander zuflechten und zu
knüpfen. Sie empfanden die Schönheit und schufen sie. Sie
wurden empfindsamer und zartfühlend. Menschen, die vielleicht
vor Mord und Bluttaten nicht zurückschreckten, wurden nach
einer Zeit künstlerischer Arbeit so empfindsam, daß sie zu
Tränen gerührt den mystischen Gedichten lauschten, die ich
ihnen vorlas." Aggressive und harte Seelen wurden zartfühlend
und empfindsam. Sie stehen unter dem Einfluß der äußeren
Einwirkungen, sie leben in einer anderen Gesellschaftsordnung.
Diese wohlwollende Empfindsamkeit ist die Folge einer
veränderten Umwelt. Man muß ihnen weder für ihre
Empfindsamkeit dankbar sein noch sie aus Gründen ihrer
Aggressivität verurteilen. Das ist Soziologismus. So weit, so
gut. Ich streite die Einflüsse der sozialen, materiellen,
natürlichen und geschichtlichen Umgebung auf den Menschen
nicht ab; betonen möchte ich jedoch, daß sich der Mensch im
Laufe seiner Entwicklung von der Menschengestalt zum Menschen
von diesen Zwängen befreit. Die Bedeutung der Geographie
z.B., die im 19. Jahrhundert in der Soziologie besonders
hervorgehoben wurde - sogar ein Ibn Khaldun behauptet: "Jede
Gesellschaft hat die Lebensform, die ihre geographische Lage
erfordert." - ist heute nicht mehr so groß. Je weiter sich der
Mensch entwickelt, um so mehr befreit er sich von diesen
Zwängen. Ich möchte also nicht behaupten, daß sie nicht
vorhanden oder wirkungslos sind. Das bedeutet nicht, daß der
Mensch im Laufe seiner Geschichte immer die Wahl treffen
konnte, sein Leben zu gestalten, sondern es bedeutet, daß er
in der Menschengestalt Gefangener des Soziologismus,
Naturalismus und Historismus ist. Er befreit sich allmählich
während seines Menschwerdens von diesen Zwängen.
Wie kann er sich
nun vom Naturalismus befreien? Das ist nicht schwer zu
verstehen, denn wir leben in einem Zeitalter der Befreiung vom
Naturalismus. Einer der Zwänge der Natur war schon immer das
Klima. Die Menschen litten unter den klimatischen Bedingungen
der Wüste, des Meeres und des Gebirges. Sie lebten unter
unterschiedlichen Bedingungen und unterschieden sich
voneinander. Heute machen wir die Erfahrung, daß die neue
Technik und Zivilisation sie immer mehr von den Zwängen der
Naturkräfte befreien. Der heutige Mensch, der in einer Wüste
lebt, kann trotz der ihm aufgezwungenen natürlichen
Bedingungen Voraussetzungen für ein besseres Leben schaffen,
moderne Städte bauen und wie ein Nordamerikaner leben. Das
beweist, daß der Mensch imstande ist, sich vom Zwang der
Geographie bzw. der Natur im allgemeinen zu befreien. Die
Anziehungskraft der Erde war einer der Zwänge, denen der
Mensch unterworfen war. Sie war für uns so natürlich, daß wir
sie als einen Teil unseres Körpers betrachteten. Wir dachten,
wir könnten aufgrund unseres Gewichtes nicht von der Erde
abheben und das Gewicht sei ein Teil unseres Wesens. Heute
erleben wir jedoch, daß dieses Hindernis, das uns das Fliegen
über drei bis vier Meter hinaus unmöglich gemacht hatte,
beseitigt worden ist. Wir sind dem Zwang der Anziehungskraft
nicht mehr unterworfen. Die Landwirtschaft ist von dem
klimatischen Zwang befreit worden. Wir sehen, daß diese
Hindernisse eins nach dem anderen je nach Fortschritt und
Entwicklung der Zivilisation beseitigt werden.
Der Mensch, der nur
unter besonderen Voraussetzungen an den Ufern der Flüsse und
im Wald leben konnte und aufhorte zu existieren, wenn diese
Lebensbedingungen sich änderten, ist heute imstande, in einer
Wüste, wo kein Gras wächst, eine große industrielle
Zivilisation aufzubauen. Das ist die Befreiung von dem Zwang
der Natur. Wie befreit man sich davon? Indem man diesen Zwang,
seine Gesetzmäßigkeiten und ihren Einfluß auf die Menschen
erkennt. Dieses Erkennen ist die Wissenschaft. Das Erkennen
der Natur bzw. die Wissenschaft ermöglicht dem Menschen,
seine schöpferische Fähigkeit für den Aufbau der Technik zu
nutzen. Die Technologie hat eine einzige Aufgabe: den Menschen
von dem Zwang der Natur zu befreien. Technik und Technologie
wurden des öfteren und wie ich meine, mit Recht -
kritisiert, die Selbstentfremdung des Menschen zu bewirken und
ihn als solchen zu opfern. Sie können diesen Menschen aber
auch befreien. Der Mensch war gezwungen, für seinen
Lebensunterhalt 11 Stunden am Tage zu arbeiten. Er mußte
zuerst so lange arbeiten. Das war der Zwang der Natur. Die
Technik hat die Produktion erhöht und die Arbeitszeit von 12
auf 1 Stunde reduziert. So wurden 11 Stunden frei. Daß der
Mensch von heute trotz des technologischen Fortschritts fast
ebenso lange arbeitet wie der Mensch vor dem technologischen
Zeitalter, hat mit dem Nachteil der Technik nichts zu tun
sondern mit der Lebensweise der bourgeoisen Gesellschaft, der
daran gelegen ist, den Verbrauch anzukurbeln und den Menschen
eine progressive Produktion aufzuzwingen.
Die Technik kann
also den Menschen mit Hilfe der Wissenschaft aus den Zwängen
der Naturgesetze, die die Freiheit des Menschen einschränken,
befreien.
Wie kann sich der
Mensch von dem Zwang der Geschichte befreien? Wenn er erkennen
kann, daß er zum Spielball einer großen Macht, die Geschichte
heißt, geworden ist, wenn er imstande ist, mit Hilfe der
Geschichtswissenschaft und Philosophie der Geschichte den
Prozeß der Geschichte und die ihn bestimmenden Gesetze zu
erkennen, so daß er feststellen kann, welche Faktoren die
historischen Ablaufe bestimmen und welchen Einfluß sie auf
Meinungs- und Willensbildung sowie auf Gefühls- und
moralisches Leben der Menschen ausüben, so kann er den Weg
seiner Befreiung aus dem zweiten Gefängnis, dem der
Geschichte, finden. Dieses Stadium hat er fast erreicht. In
Asien, Afrika und Lateinamerika kennen wir Gesellschaften, die
mehrere geschichtliche Entwicklungsstadien übersprungen
haben. Das bedeutet, daß sie die klassischen
Entwicklungsstadien, die wir aus dem historischen
Entwicklungsprozeß anderer Gesellschaften kennen, nicht in der
bekannten Reihenfolge durchlaufen haben. Je nachdem, wie hoch
das geschichtliche Bewußtsein einer Gesellschaft entwickelt
ist, je nachdem, wie weit die Intellektuellen einer
Gesellschaft die historischen Abläufe und ihre Sachzwänge
erkennen, umso schneller kann sie die Entwicklungsstadien
überwinden. Das ist die Befreiung und Flucht aus dem
zwangsläufigen Prozeß von Ursache und Wirkung, der den
geschichtlichen Lebensablauf einer Gesellschaft bestimmt und
den alle Gesellschaften in allen Stadien durchlaufen müssten.
Der historische
Entwicklungsprozeß der Gesellschaften lief also nach
bestimmten Mustern ab. Durch die Entdeckung dieser
geschichtlichen Entwicklungsabläufe kann sich eine
Gesellschaft dem Zwang eines bestimmten historischen Prozesses
entziehen und eine andere gewünschte Entwicklungsstufe wählen.
So hat es z.B. in der gegenwärtigen Geschichte Gesellschaften
gegeben, welche die Entwicklungsstufe des Nomadismus und der
Sklaverei durchliefen und plötzlich durch eine Revolution die
weit fortgeschrittene Stufe der bürgerlichen Gesellschaft
erreichten. Das ist eine Rebellion gegen die Geschichte, das
ist Befreiung der Gesellschaft von dem Zwang der Geschichte
durch die Erkenntnis des historischen Prozesses und
seiner Gesetzmäßigkeiten.
Was den Zwang des
Soziologismus betrifft, so mußten wir in der Vergangenheit
feststellen, daß jedes Individuum so aufwuchs, wie seine
Gesellschaft es erforderte. Heute ist es nicht mehr an dem.
Mit dem Fortschritt der Soziologie erkennt der Mensch die
Gesellschafts- und Klassenverhältnisse deutlicher und
entwickelt ein höheres Maß an gesellschaftlichem
Selbstbewußtsein, je mehr er die Zusammenhänge der Politik und
Staatsführung versteht. Frei nach Jaspers: "Die Umwelt prägt
nicht mehr die Menschen, sondern die Menschen prägen die
Umwelt."
Die Mitglieder
einer nomadischen, feudalistischen oder einer rückständigen
bäuerlichen Gesellschaft stellten in der Vergangenheit die
Form ihrer Regierung, ihrer Religion, Überzeugungen und
Traditionen niemals in Frage. Sie waren ewige und
unabänderliche Institutionen, die zwangsläufig alles
beherrschten wie die Sonne und der Himmel. Die Religion konnte
niemals irren, die Gesellschaftsordnung und die Rechte der
Feudalherren konnten nicht abgelehnt oder angezweifelt werden;
Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse, Besetzung der
Schlosser und Einführung einer anderen Lebensform waren von
vornherein unvorstellbar. Die Menschen dachten und handelten
nach den Denkmustern, die ihnen ihre Gesellschaft gegeben
hatte. Der Mensch von heute jedoch kann seine Religion bewußt
wählen, wie er sie auch bewußt ablehnen kann. Religion gehört
zu den Lebensaufgaben, die dem Menschen von der Gesellschaft
angeboten bzw. auferlegt werden. Der Mensch von heute hat
jedoch ein Mitbestimmungsrecht in bezug auf die Religion und
Gesellschaftsordnung, die früher sein Leben bestimmten. Er
kann sie ablehnen, sich für sie entscheiden oder an ihnen
zweifeln. Der selbstbewußte Mensch von heute hält die
Produktionsverhältnisse, Wirtschaftsordnungen,
Eigentumsrechte, Traditionen, Gesellschafts- und
Klassenverhältnisse und die Sonderrechte der Familien und
gesellschaftlichen Gruppen nicht mehr für ewig, unabänderlich,
heilig und für göttliche Offenbarung. Sie sind vielmehr wie
jede andere Erscheinung des menschlichen Lebens, worüber man
nachdenken, sie akzeptieren oder ablehnen kann. Wir sehen in
der Tat, daß man sie in Frage stellt, verändert, reformiert
und revolutioniert. Die gesellschaftlichen Strukturen und die
Religion werden verändert. Das beweist, daß sich der Mensch
von heute gewissermaßen aus dem dritten Gefängnis, dem
Gefängnis der Gesellschaft, befreit hat. Die Befreiung aus
den Fesseln der ihm auferlegten Gesellschaftsordnung gelingt
dem Menschen durch soziologische Erkenntnisse und Aufklärung
über die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Befreiung aus
dem dritten Gefängnis ist also auch nur durch die Wissenschaft
möglich. Die Technik des gesellschaftlichen Kampfes ist
vergleichbar mit der Technologie im eigentlichen Sinne,
wodurch die Naturkräfte gezügelt werden; denn Ideologie ist
die Technologie des Kampfes gegen die Gesellschaftsordnungen
mit Hilfe der Soziologie.
Ich fasse zusammen:
Der Mensch erlangt das Selbstbewußtsein, die Willensäußerung
und die schöpferische Kraft durch das Erkennen der Natur, d.h.
durch die Wissenschaft, und befreit sich aus dem ersten
Gefängnis, dem Gefängnis der Natur. Aus dem zweiten Gefängnis,
dem des Historismus, befreit er sich durch die Erkenntnisse,
die er aus der Philosophie der Geschichte und den historischen
Prozessen gewonnen hat. Aus dem dritten Gefängnis, dem
Gefängnis der ihm aufgezwungenen Gesellschaftsordnung, befreit
er sich ebenfalls durch die Wissenschaft und baut die
Gesellschaftsordnung seiner Wahl auf.
Das vierte
Gefängnis ist das schlimmste von allen. Hier ist der Mensch
ohnmächtiger denn je. Es ist das Gefängnis des eigenen Ich. Es
ist verwunderlich, daß es dem Menschen zwar gelungen ist, im
Laufe der Geschichte seine Befreiung aus den drei anderen
Gefängnissen mehr und mehr zu erkämpfen und sich mehr denn je
von diesen drei zwängen zu befreien; mit dem vierten Zwang,
dem Zwang des eigenen Ich, wird er nicht fertig. Der Mensch
von heute ist davor ohnmächtiger als derjenige, der noch
keine Technologie, Naturwissenschaften, Soziologie und
Geschichtsphilosophie kannte. Gerade die Gefangenschaft in
diesem vierten Gefängnis macht die Befreiung aus den drei
ersten Gefängnissen sinnlos. Warum empfindet der aus drei
Gefängnissen befreite Mensch diese Sinnlosigkeit? Weil die
Gefangenschaft im vierten Gefängnis erst der Anfang seines
Unglücks ist; denn derjenige, der sich schon dem ersten Zwang
unterworfen hat, hat nicht die Qual der Wahl, da er sowieso
nichts tun kann. Aber der heutige Mensch, der mehr denn je die
Fähigkeit besitzt, etwas zu tun, weiß weniger denn je, was er
tun soll; denn er hat sich zwar von diesen Zwängen befreit,
beherrscht die Natur, die Geschichte, das Schicksal der
Menschheit und die Gesellschaft, ist aber Gefangener des
eigenen Ich. Warum kann er sich aus diesem Gefängnis nicht
befreien? Weil diese Befreiung nicht so einfach ist. Sie ist
deswegen nicht einfach, weil der Mensch in den drei an deren
Fällen wußte, wo er gefangengehalten wurde. Er war sich bewußt,
welchen Zwängen er unterworfen worden ist. Er erkannte die
Anziehungskraft der Erde und wußte, warum er nicht fliegen
kann. Auch im primitiven Leben war er sich dieser Zwänge
bewußt. Am Ufer der Flüsse war er Fischer und im Walde Jäger.
Er spürte die Notwendigkeit der Umwelt. Mit dem vierten Zwang
verhält es sich aber nicht so. Er gleicht nicht den Mauern
eines Gefängnisses. Dieses Gefängnis trage ich in mir. Daher
ist es nicht leicht, es zu erkennen. Hier sind der Gefangene
und das Gefängnis identisch. Der Kranke und die Krankheit sind
voneinander nicht zu trennen; daher läßt sich diese Krankheit
auch nur schwer heilen.
Die andere
Schwierigkeit liegt darin, daß der Mensch sich zwar mit Hilfe
der Wissenschaft vom Zwang der Geschichte, der Natur und der
ihm aufgezwungenen Gesellschaftsordnung befreien kann, nicht
aber aus dem Gefängnis des eigenen Ich; denn der
Wissenschaftler ist selbst der Gefangene, es ist die
Wissenschaft eines Gefangenen. Wenn er daher von sich selbst
redet, weiß er nicht, daß sein freies Ich in ihm selbst
begraben liegt. Er hat das Empfinden, daß er sich als einen
absoluten Menschen von den Zwängen der Natur, Gesellschaft und
Geschichte befreien muß. Trotz dieser Befreiung erreicht er
aber nur die Sinnlosigkeit. Es gibt einen geschichtlichen
Prozeß im Leben der Menschen, der seit Adams Zeiten mit der
gleichen Gesetzmäßigkeit verlaufen sein dürfte. Der Mensch
legt in seinem materiellen Leben folgende Phasen zurück: Erst
befindet er sich in Not, dann erreicht er Wohlstand, Wohlstand
führt zu Sinnlosigkeit, Sinnlosigkeit zur Auflehnung und die
Auflehnung führt zu Askese und innerer Einkehr.
Existentialismus
und "Hippietum" von heute sind Erscheinungen dieser Art.
Unsere Adeligen suchten früher in der Mystik Zuflucht. Die
Adeligen Indiens und Indochinas nahmen Zuflucht zu Nirwana,
Mystik und materieller Entsagung. Bei der Ablehnung der
Konsumgesellschaft und des materialistischen Lebens durch die
neue Bourgeoisie handelt es sich um das gleiche Phänomen.
Der Mensch schätzt
die materialistischen Ideale seines täglichen Lebens solange
hoch, wie er sie nicht erreicht hat. Erreicht er sie, so
kommen ihm viele sinnlos vor. Daher müssen die Ideale des
Menschen so hoch gesteckt sein, daß er nirgends stehen
bleibt, andernfalls führt dies zur Sinnlosigkeit.
Der Mensch, der
Gefangene des eigenen Ich, gleicht trotz seiner Beherrschung
der Natur einem ohnmächtigen Waffenträger. Jean Isole spricht
vom Helden einer Geschichte, den ein Schriftsteller
dargestellt haben soll, von einem schwerbewaffneten, sehr
reichen Fürsten, der von einer großen inneren Sorge geplagt
wird. Er sagt, das heutige Frankreich sei solch einem Fürsten
ähnlich. Ich meine, daß der heutige Mensch im allgemeinen wie
dieser Fürst ist, bewaffnet, reich, aber ohnmächtiger denn je.
Auf einem großen
Platz in Rotterdam ist eine Statue aufgestellt worden. Sie
zeigt einen Menschen, dessen Gelenke nicht miteinander
verbunden sind. Der Hals befindet sich in einiger Entfernung
zum Kopf, der Ellenbogen an der Seite des Armes, ebenso das
Knie und das Bein. Wenn man die Figur von weitem betrachtet,
hat man das Gefühl, daß sie mit einem Windstoß zusammenfallen
könnte, obwohl sie aus massivem Stein gehauen worden ist. Der
Bildhauer wollte mit dieser Figur den Menschen nach dem 2.
Weltkrieg darstellen. Sie wird dem Bild des heutigen Menschen
ebenfalls gerecht. Er ist heute wie aus Stein gehauen,
mächtig, und trotzdem besteht mehr denn je die Sorge, daß er
vernichtet wird. Der Grund liegt darin, daß ihm die Befreiung
aus drei Gefängnissen eine Macht verliehen hat, die er nie
besessen hatte.
Dieser Mensch, der
imstande ist, von hier aus den Mars zu bombardieren, der es
fertig bringt, eine komplizierte Maschine in den Weltraum zu
schießen, wird andererseits so willenlos, daß er für ein paar
hundert Mark seinen Arbeitsplatz wechselt und von einer
anderen Stelle aus gegen ihn arbeitet, Man hört, daß die
Sklaverei in manchen Gegenden Afrikas weiterhin besteht. Die
Mitglieder mancher rückständigen Stamme werden gefaßt und in
andere Gegenden verkauft. Eine andere Art der Sklaverei habe
ich mit eigenen Augen im Westen mitten in Cambridge und an der
Sorbonne gesehen, nicht etwa auf den Sklavenmärkten, wo
primitive und ungebildete Menschen angeboten werden, sondern
an einem Ort des Wissens, wo nun die besten Talente wie auf
einer Auktion versteigert werden. Vertreter des
kommunistischen China, der Sowjetunion, der USA und des
europäischen Großkapitals kaufen dort Talente ein. Angeboten
wird zum Beispiel der zweitbeste Absolvent eines bestimmten
akademischen Jahres; einer bietet fünfzehntausend, der andere
wiIl noch ein Auto dazugeben, ein dritter ist bereit, außerdem
noch einen Fahrer zur Verfügung zu stellen. Der moderne Sklave
ist noch unschlüssig, sieht sich seinen künftigen Herren an
und entscheidet sich endlich für den Meistbietenden. Warum?
Weil er ein Gefangener ist. Dieser Mensch, dem hunderttausend
Mark angeboten werden, hat sich zwar von den Zwängen der Natur
befreit. Er ist ein Ideologe, der die Gesellschaft verändert,
oder ein Philosoph, der die geschichtlichen Zwänge
abschüttelt, sich selbst gegenüber aber so ohnmächtig, daß er
sich zum Sklaven machen läßt. Ein Sklave kann den Menschen
nicht befreien, auch nicht, wenn er schon aus drei anderen
Gefängnissen freigekommen ist. Die Schwierigkeit liegt darin,
daß dieses Gefängnis ein Bestandteil seines SeIbst ist. Er
kann sich gegen sich selbst nicht erheben. Aus den drei
anderen Gefängnissen konnte er sich befreien, weil sie
außerhalb seines Selbst lagen.
Sie sehen, hier
nützt die Wissenschaft nicht mehr. Wie erreicht man aber diese
Befreiung? Mit Liebe, Was heißt Liebe in diesem Zusammenhang?
Ich meine damit keine mystische Liebe und dergleichen, die
selber andere Arten von Gefängnissen darstellen. Damit meine
ich eine gewaltige Kraft, höher als berechnende und
eigennützige Vernunft, die mich aus der Tiefe meiner Seele und
dem Inneren meines Selbst gegen mich aufwiegelt. Das kann mit
Naturgesetzen nicht geschehen. Der Aufruhr gegen mich muß aus
dem inneren kommen, weiI das vierte Gefängnis mir innewohnt.
Es muß von innen herausgesprengt werden und in Flammen
aufgehen. Wie, warum in Flammen? Weil es mit der logischen,
die Naturgesetze entdeckenden Vernunft nicht zu schaffen ist,
weil es sich hier nicht um Logik handelt. Hier möchte ich
einen Ausdruck von Pareto gebrauchen, den ich vorab erläutern
möchte: Nach seinen Worten sind Vorgänge einerseits logisch:
wenn wir z.B. lieben, arbeiten, Gehalt empfangen, uns
ankleiden, jemandem schmeicheln, denken und lesen, handeln wir
logisch, weil wir dadurch zu irgendeinem Ergebnis kommen. Es
gibt auf der anderen Seite Vorgänge und Handlungen, die
unlogisch sind, wie z.B. die Handlungen eines Verrückten. Die
dritte Art von Handlungen nennt er alogisch, also Handlungen
und Vorgänge, die weder logisch noch unlogisch sind. Sie sind
mit logischen Kategorien überhaupt nicht zu erfassen. Die
Logik entdeckt die Ursache und Wirkung, um diese Entdeckung in
den Dienst des Menschen zu stellen. Der Mensch zerstört aber
manchmal die logischen Strukturen wegen höherer Ideale. Er
setzt sich z.B. hin, begießt sich mit Benzin und zündet sich
in aller Ruhe und bewußt an, um seine Gesellschaft vom Feuer
zu retten. Diese Handlung ist nicht logisch. Sie verlangt
weder eine Belohnung, noch entspricht sie den Grundsätzen der
Ethik.
Liebe ist die
Kraft, die mich dazu bringt, zum Wohle des anderen und zur
Verwirklichung höherer Ideale gegen meine eigenen
Lebensinteressen und unter Aufopferung meiner Existenz zu
handeln.
Ich belüge
dich deswegen nicht, damit du mich nicht belügst. Ich stelle
keine ungedeckten Schecks aus, damit meine Bonität nicht
darunter leidet und meine Schecks im Bazar als bares Geld
angenommen werden. Das sind logische und vernunftsmäßige
Handlungen. Wenn ich aber nicht lüge und die daraus
resultierenden, schweren Folgen auf mich nehme, ohne
irgendeine Belohnung zu erwarten, wenn ich dann die Wahrheit
sage, wenn es mich das Leben kosten kann, wenn ich es ohne
Belohnung und ohne Rucksicht auf Verlust tue, habe ich mich
wiedergefunden. Der Mensch kommt zum Vorschein. Welcher
Mensch? Derjenige, der im vierten, im unlauteren Gefängnis des
eigenen Ich begraben lag. Nun hat er sich aufgerichtet und
beschreitet den Weg des Menschwerdens unter der Sonne des
Glaubens und der Liebe.
Friedrich Nietzsche
war ein großer Philosoph und Denker seiner Zeit. Als junger
Mann war er ein hochmütiger Mensch. Er verteidigte das Recht
des Stärkeren und verherrlichte die Macht; der Hochmut der
Jugend trieb ihn zu diesen Ansichten. In seinen letzten
Lebensjahren wurde er zu einem wohlwollenden, gütigen und
liebenswürdigen alten Herren, der sich in seiner
Menschenfreundlichkeit zu Handlungen verleiten ließ, die von
ihm nicht zu erwarten waren, hatte er doch lange Zeit die
Ansicht vertreten, Mitleid sei ein Zeichen der Schwäche; die
Schwächen und Mißratenen sollten zugrunde gehen. Eine Ansicht,
die bei Eskimos verbreitet ist. Sie lassen ihre alten und
lebensunfähigen Mitmenschen mitten in Eis und Schnee zurück,
damit sie sterben, weil sie nur verbrauchen ohne selber zu
schaffen. Das ist auch eine mit Logik begründete Handlung.
Derselbe Nietzsche, der ein Leben lang so gedacht und
geschrieben hat, handelt in einem schicksalhaften Zwischenfall
in seinem letzten Lebensjahr nicht mehr nach diesem Prinzip:
während er eine Straße überquert, sieht er eine umgekippte
Fuhre. Sie liegt mit ihrer ganzen Last auf einem in den Graben
gefallenen Pferd. Der Fuhrmann, dem das Pferd offensichtlich
nicht gehört, versucht mit aller Gewalt, es zum Aufstehen zu
zwingen. Der lebensbedrohende Zustand des Pferdes scheint ihn
nicht zu kümmern, Hauptsache ist für ihn, daß er ans Ziel und
an sein Geld kommt. Seine Peitschenhiebe treffen das Tier
ununterbrochen. Es versucht aufzustehen, schafft es aber wegen
eines gebrochenen Beines nicht, unter dem Druck der Last
hochzukommen. Nietzsche ist außer sich. Er bittet den Fuhrmann
aufzuhören und bemerkt, daß erst die Ladung der Fuhre entfernt
werden müsse. Der Fuhrmann hat für solche Belehrungen keine
Zeit und ignoriert seine Worte. Nietzsche ist ein Hitzkopf und
zorniger Mensch. Er packt den Fuhrmann beim Kragen und will
ihn daran hindern, das Pferd zu schlagen. Der Fuhrmann wird
wütend: "Kannst Du auch welche davon haben", sagt er und
schlägt auf ihn ein. Mit einem Fußtritt wirft er den
Philosophen zu Boden. Nietzsche wird nach Hause gebracht und
stirbt an den Folgen seiner Verletzungen; er wird Opfer seiner
Menschlichkeit. Das Nachdenken über diese Geschichte konnte
einen inneren Konflikt hervorrufen. Jedem von uns wohnen zwei
Persönlichkeiten inne: die eine läßt sich von Gefühlen leiten
und bewundert die moralische und geistige Größe Nietzsches,
der sein Leben auf's Spiel setzt, um einem Tier zu helfen und
ein Verbrechen nicht mit ansehen zu müssen; die andere lacht
über solch einen Menschen und den dummen Zufall, der dazu
führte, daß ein genialer Mensch für ein Pferd geopfert wurde.
Selbstverständlich ist es ein schlechter Tausch, gegen einen
Philosophen wie Nietzsche ein Pferd einzuhandeln. Die Handlung
an sich ist jedoch weder logisch noch unlogisch; sie steht
über logischen Schlußfolgerungen. Sie ist moralisch. Mit der
Liebe verhält es sich genauso; wenn wir eine Wahl treffen, um
ein Verlangen zu stillen, wenn wir jemanden lieben, um
wiedergeliebt zu werden, wenn wir einem Menschen Liebe
entgegenbringen, um ein Bedürfnis zu befriedigen, wenn wir
Zuneigung zeigen, um daraus Vorteile zu ziehen, haben wir uns
auf einen Handel eingelassen. Wahre Liebe bedeutet aber die
Bereitschaft, alles zu geben und nichts zu erwarten. Das ist
eine unermeßliche innere Bereitschaft, innere Bereitschaft zu
sterben, damit der andere leben kann.
Das vierte Stadium
verlangt Opferbereitschaft. Hier erreicht der Mensch das
Stadium der Aufopferung. Er gibt dem Wohl des Nächsten den
Vorrang. Das ist der tiefe Sinn des "isar", der Aufopferung.
Er wählt das Wohl des Nächsten anstelle seines eigenen, auch
wenn es um Leben und Tod geht. Er hat das Wohl des anderen im
Auge, auch wenn er zu entscheiden hat zwischen dem Ende seines
eigenen Lebens, seines Glücks, seines Wohlstandes und jenem
seines Nächsten.
Aus diesem vierten
Gefängnis, das so schrecklich und unüberwindlich zu sein
scheint, kann der Mensch kraft der Liebe entkommen. Eine
Liebe, die den Menschen jenseits aller Vernunft und Logik
dazu bewegt, sein Selbst zu leugnen, gegen das eigene Ich zu
rebellieren und das eigene Leben zum Wohle des anderen auf's
Spiel zu setzen. In diesem Stadium wird der freie Mensch
geboren; es ist die höchste Stufe des Menschwerdens. Ich fasse
zusammen:
Jener freie,
schöpferische, selbst bestimmende und selbstbewußte Mensch
befreit sich aus dem Gefängnis der Natur mit Hilfe der
Wissenschaft. Der Gefangenschaft seiner Geschichte und
Sozialordnung entkommt er ebenfalls mit Hilfe der
Wissenschaft. Aus dem vierten Gefängnis kann er sich nur mit
Hilfe der Religion und Liebe befreien. Um es mit den Worten
Rada Krishnans auszudrucken: "Wir Menschen haben in der Natur
die Aufgabe und Verantwortung übernommen, eine Verschwörung
zu organisieren; eine Verschwörung, in der Mensch, Gott und
Liebe miteinander daran arbeiten, einen anderen Menschen zu
schaffen. Das ist die Verantwortung des Menschen."